Dieser Ägypter baute die goldene Grabkammer Tutanchamuns nach

Die Geschichte von Dr. Mostafa El Ezapy


©Privatarchiv:Martin Prelle (rechts) / Mostafa El Ezapy mit Vertretern der internationalen Presse in seinem Atelier in Kairo

Es ist das Leben eines einfachen Jungen, der irgendwo in Ägypten aufwächst. Nicht weit von den duftenden Gartenanlagen der guten Viertel von Kairo in den frühen 1960er Jahren, nicht weit von den privaten Schulen, wo die Wohlhabenden ihre Kinder hinschicken, wird Mostafa El Ezapy in dem Bauerndorf Sharqeya geboren. Als Sechsjähriger arbeitet er neben seinem Vater auf dem Feld. Er ist das Letzte von fünf Kindern, er und seine Familie leben in Elend mit einer begrenzten Versorgung von Lebensmitteln, ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Das einzige Trinkwasser ziehen sie sich aus tiefen Löchern im Dorfboden.

Foto: goldentut.com - Dr. Mostafa El Ezapy. Er baute in langjähriger Arbeit mit seinen Künstlern und Handwerkern in Ägypten die Grabkammer des Pharaos Tutanchamun originalgetreu nach.

Es war auf den Baumwoll- und Reisfeldern zwischen den langen Stunden der Arbeit, als  Mostafa lernte, dass er die Begabung besaß, formlose Klumpen Ton in alles zu gestalten, was er wollte – sehr zur Freude seiner Dorfbewohner. „Früher war ich mit meinen Jungs auf den weiten Felder rund um meinen Dorf unterwegs, auf der Suche nach dem Schutz eines Baumes vor der sengenden Sonne. Und dort  fing ich dann damit an, Lehm in Formen wie Häuser, Tiere oder Menschen zu gestalten.“ „Meine Eltern konnten weder lesen noch schreiben, aber mein Vater war entschlossen, mir eine gute Ausbildung und ein besseres Leben als das, was er selbst gelebt hatte, zu ermöglichen. Als ich schließlich die Schule besuchen konnte, habe ich sehr hart an meinem Studium gearbeitet. Dort entdeckte ich, dass ich ein Talent zum Zeichnen hatte und erhielt viele Auszeichnungen und Trophäen in der Schule  und bei Kunst-Wettbewerben.“

Im Alter von siebzehn Jahren – gedrängt von seinem Vater, sein Studium fortzusetzen – wurde Mostafa an der Kunstakademie der El-Minya-Universität im Jahr 1985 angenommen, aber ein Irrtum verzögert seine Aufnahme in die Schule für drei Jahre. Als die Zeit für  Mostafa kam, um endlich die Schule zu besuchen, starb sein Vater plötzlich an einer  Lebererkrankungen, wahrscheinlich durch die vielen Jahre, die er von Trinkwasser aus verschmutztem Wasservorräten gelebt hatte. „Mein Vater war verschwunden und das bisschen Geld, das wir hatten, war weg. Die El-Minya-Universität war über 400 km entfernt und meine Familie konnte sich nicht leisten, mich in die Schule zu schicken. Zu meiner Überraschung, entschlossen sich alle meine Kindheitsfreunde, meine Studiengebühren mit zu bezahlen – und so wurde etwas hinzugefügt, zu dem Wenigen, was meine eigene Familie geben konnte.“

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Als die Schule los ging, begann Mostafa, alle lokalen Bibliotheken zu überfallen und  las alles, was er über die Welt der Kunst finden konnte. Er studierte asiatische und afrikanische Kunst und die europäischen Meister. Aus Amerika war er besonders interessiert an der Art-Déco-Bewegung, die über das Land in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts fegte: Die Struktur des Art Deco ist auf mathematisch-geometrischen Formen basiert. Und die eleganten und stilvollen Formen der modernen Kunst, waren von einer Vielzahl von Quellen beeinflusst – unter ihnen, das alte Ägypten. Er sah plötzlich wieder auf die lange und große Geschichte der Kunst seines eigenen Landes. Die Denkmäler, Kolosse und dekorativen Kunsthandwerke, die während der dynastischen Zeiten Ägyptens produziert wurden, waren nicht nur auf Museen oder Privatsammlungen beschränkt – sie waren plötzlich überall, wo er hinsah, zu sehen, zu berühren und zu erleben.

Er sah die alten Götter und Gott-Könige seines Landes aus einer neuen Perspektive und verliebte sich in die ägyptischen Kunst. „Ich tauchte ein in meine  Studien. Ich wollte so nah an die alten Künstler, wie ich nur kommen konnte. Ich wollte alles über sie wissen. Was sie dachten, wie sie arbeiteten, was ihre Kunst für sie bedeutete. “ In der Schule war Mostafa als Assistent eines Lehrers angestellt und arbeitete nebenbei Tag und Nacht, um kleinere Kunstwerke zu produzieren, in der Hoffnung zur Ergänzung seines mageren Einkommens. „Ich aß zwei Tage Brotkrümel und als ich meine erste Figur, eine Statue des Horus,  für 30 ägyptische Pfund verkauft hatte(10 US-Dollar), war ich so glücklich, dass  ich endlich wieder essen konnte. Ich konnte mich für eine Woche mit dem Geld ernähren und Materialien kaufen, um weitere  Stücke zu anzufertigen. “

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Foto: GNU wikipedia -Horus: Ursprünglich ein Himmelsgott, war er außerdem Königsgott, ein Welten- oder Lichtgott und Beschützer der Kinder.

Horus Graphic
Im Jahr 1988, zwei Jahre bevor er seinen ersten Studiengrad abgeschlossen hatte, wurde Mostafa von Horus Graphic eingestellt. In den 1980er Jahren gegründet, hatte sich Horus Graphic auf die Schaffung und Massenproduktion von Papyrus-Kunst und kleine Skulpturen für Touristen spezialisiert. Aber wie bei vielen anderen Unternehmen in- und außerhalb  Ägyptens, war die Nachbildung der ägyptischen Artikel schlampig und grenzte an Kitsch.

Die individuellen Geschichte und Kultur der Stücke ging in diesem Prozess in der Regel verloren. „Als ich die Zusammenarbeit mit Horus Graphic im Jahr 1988 begann, beauftragte das Unternehmen mich zuerst, ein paar einfache Elemente aus dem Grab des Tutanchamun und die Büste der Sphinx nachzustellen. Als die Stücke zum Verkauf freigegeben wurden, war die Nachfrage  sehr groß und das Unternehmen entwickelte eine neue Richtung des pharaonischen Designs: Qualitativ hochwertige Reproduktionen zu konkurrenzfähigen Preisen. Das Sortiment an Kunstreproduktionen wurde in verschiedenen Materialien und Größen hergestellt: von der Verbindung von Stein und Putz für den Innenbereich bis hin zum Harz, Schotter und Glasfaser für außen,  und in der Größe von 3 Zoll bis über 6 Meter hoch.“

Einige dieser hochwertigen Reproduktionen wurden in private Stiftungen, Galerien und Museen auf der ganzen Welt verkauft. Auch dorthin, wo die originalen Kunstwerke ausgestellt werden, so zB ins British Museum, dem Vatikan, dem New Yorker Metropolitan Museum of Art und auch in den Louvre in Paris. Andere sind zeitlos Kopien, die zwar die gleiche historische Authentizität vermitteln, aber ihre Verwendung heute in nützlicher, stilvoller und funktioneller Wohnkultur finden. Das sind Gegenstände wie Buchstützen, Tischgestelle, angepasste Displays, Lampen, Kugelschreiber, Mousepads oder Schmuckschatullen. Horus Graphic erlangte weltweite Aufmerksamkeit als Mostafa’s Stücke nach Europa, Amerika und Asien verkauft wurden.

Foto:pharaonicvillage.com - Das Pharaonendorf in Ägypten

Das Pharaonendorf
Im Jahr 1974 begann Dr. Hassan Ragab die Umwandlung von Jacob Island (innerhalb der Grenzen von einem Kairoer Vorort) in einen detailgetreuen Nachbau des antiken ägyptischen Lebens. Sein erster Schritt war die Anpflanzung von fünftausend Bäumen, um die Insel von der Umgebung des modernen Kairo abzuschirmen. Pflanzen, Blumen und Tiere, die in Ägypten längst ausgestorben waren, wurden aus dem Sudan und Äthiopien geholt und keine Kosten wurden gescheut, um die ägyptische Geschichte wieder zum Leben zu erwecken. Im Jahr 1984 wurde Dr. Ragab’s „Pharaonendorf“ offiziell eröffnet und war in der Öffentlichkeit ein großer Erfolg. Im Jahr 1995 war zum krönenden Abschluss des erfolgreichen Pharaonendorfes eine lebensgroße Nachbildung des Grabes von Tutanchamun geplant, so wie es im Jahre 1922 aussah, als Howard Carter es öffnete. Da das tatsächlichen Grab im Tal der Könige für die Öffentlichkeit seit vielen Jahren geschlossen war, wurde diese Nachbildung im Pharaonendorf der einzige Ort, um das Grab zu sehen.

Mostafa, neu ernannt als Direktor bei Horus Graphic, und ein Team von Archäologen, Ingenieuren und Architekten, erhielten zusammen mit speziell ausgewählten ägyptischen Handwerkern den Auftrag, das gesamte Grab Tutanchamuns originalgetreu mithilfe der Notizen von Howard Carter zu reproduzieren, bishin zu dem kleinsten Schatz, den man zu dem Kinderkönig als Grabbeigabe gelegt hatte. Das Problem bei der Schaffung der Tutanchamun-Stücke war aber, dass es zu keinem Zeitpunkt vom Museum in Kairo erlaubt war, Abgüsse von den Originalen zu machen. Die meisten der wiedergegebenen Artefakte für die Grabnachbildung wurden vollständig von Hand mit den gleichen Techniken, wie die Originale vor Tausenden von Jahren zuvor gemacht. Dr. Ragab hatte außerdem darauf bestanden, dass die Replikate so ununterscheidbar von den Originalen wie möglich gemacht werden. Mostafa besuchte das Museum von Kairo über tausend Mal, um die Stücke auf Richtigkeit zu überprüfen, und viele der Replikate brauchte Jahre, um mit immensem Aufwand erstellt zu werden. Mit der Fertigstellung des Grabes für das Pharaonendorf wurde Horus Graphic für seine pharaonischen Ausstellungen bekannt und Mostafa war für die nächste Phase seiner künstlerischen Entwicklung bereit.

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Foto: goldentut.com - Die goldene Totenmaske des Pharaos Tutanchamun

Golden Tut
Im Jahr 2003, glücklich mit seinem Beitrag zum Erfolg von Horus Graphic, aber noch nicht mit der Qualität der Arbeit,verließ Mostafa die Firma und gründete „Golden Tut“. „Ich hatte eine Entscheidung zu treffen. Ich kannte das Niveau der Arbeit, zu der ich fähig war und was noch wichtiger war – das Niveau der Arbeit, die ich machen wollte. Ich wusste auch, es gibt ein Publikum für sie. Ich lieh mir 100.000 ägyptische Pfund von Freunden und Verwandten und nannte diese Phase meines Lebens „Skulpturen gegen Essen.“ Ich musste arbeiten, und ich brauchte Nahrung. Nichts anderes zählte. Es dauerte nicht lange, da hatte ich sieben handverlesene Arbeiter, die mit mir zusammen Replikate auf einem neuen Niveau erstellten.“ Um bei unserer Arbeit bisher ungesehene Ergebnisse zu erzielen, verwendeten wir nur Materialien und Techniken, mit denen wir die beste Qualität bei der Reproduktion von Original-Kunstwerken erreichen konnten. Die alten Skulpturen fanden ihren Ausdruck in einer Vielzahl von Materialien: in Stein, Polyresine, Bronze, Messing, usw.

Die Oberfläche der einzelnen Stücke wurde immer von Hand gefertigt und zeigt große Handwerkskunst sowie historischen Sinngehalt, sie ist das Werk von echten Handwerkern. Es war die Aufgabe von Golden Tut, den Menschen von heute das Erbe meines Landes mit all seiner Schönheit und das Geheimnis unserer Vorfahren vor Augen zu führen. Unser Ziel ist immer gewesen, hervorragende Arbeit zu leisten und unsere Leute auszubilden. Unsere Kunden kamen aus vielen verschiedenen Orten, von Universitäten, Museen und Unternehmen, aus dem Einzelhandel, sie waren Dekorateure, Designer, Landschaftsarchitekten und Hausfrauen. „Im zweiten Jahr von Golden Tut, konnte ich alle meine Schulden zahlen und im dritten Jahr war bereits ein Gewinn zu erzielen. Jeder Mitarbeiter versteht unsere Grundwerte und unsere Verpflichtung, hochwertige Kunst herzustellen. Heute beschäftigen ich zwischen 20-25 Personen. Die Hälfte sind Künstler und begabte Studenten von der Universität, die anderen sind die besten Handwerker in Ägypten.“

Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze
Die Ausstellung „Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ führt die Besucher zurück in die Zeit, um das goldene Zeitalter des jungen Pharaos zu erkunden. Die mehr als tausend Stücke, die man im Grab fand, wurden sorgfältig von Mostafa und seinem Team repliziert und geben dem Besuchern die Chance, die Wunder so zu sehen und zu erleben, wie sie vor vielen Jahrhunderten hinterlassen wurden. Rekonstruiert auf mehr als 4000 Quadratmetern, ermöglicht die Ausstellung eine neue Perspektive für die Besucher, mit der die faszinierende Geschichte der Ausgrabungen in 3 Dimensionen gezeigt wird, und sich wie ein Roman entfaltet.

Die Ausstellung fand erstmals in Zürich statt und zog über 250.000 Besucher an. Nach dem Umzug nach Brünn in der Tschechischen Republik im Oktober, ging „Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ nach München zu seinem Premiere-Empfang in einer sternenklaren Abenderöffnung. Die Ausstellung wird über mehrere Jahre um die Welt reisen, von London in die Tschechische Republik, bevor sie im Jahr 2010 wieder nach Ägypten zurückkehrt. „Vergrabene Artefakte und Schätze wurden in musealer Qualität repliziert und mit 24 karätigem Gold beschichtet. Die Ausstellung war ein Traum-Projekt.“

Heute
Dr. Mostafa El Ezapy lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Viertel mit duftenden Gartenanlage in Kairo. Oben, von seinem privaten Atelier,  hat er vom Balkon einen direkten Blick auf die Pyramiden, und fährt fort, um Kunst zu schaffen.

(msc)

weitere Informationen: www.tut-ausstellung.com

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