Gerd Heidemann: „Michael Seufert hat in seinem Buch die Wahrheit verdreht“ – Interview (2/2)

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©Foto:GHS-Archiv – Gerd Heidemann mit dem Buch von  Michael Seufert

Seufert beharrt auf der Feststellung, dass Hans Werber Hübner erst einmal mit echten Beweisen aus Denia in Spanien kam. Er fand dort zwei Häuser, die auf den Namen Gerd Heidemann eingetragen waren. Die zwei Häuser wurden dort angeblich größtenteils in Bar bezahlt. Woher hatten Sie damals so viel Geld?

©Foto:GHS-Archiv - Die Unstimmigkeiten die Heidemann in Seuferts Buch gefunden hat und anhand von Dokumenten akribisch belegt, füllen einen ganzen Aktenordner mit der Aufschrift "Seuferts Lügen", von Heidemann "Seuferts Lügen-Akte" genannt.

Gerd Heidemann: Es war kein Meisterstück von Hans-Werner Hübner, Angaben über die von mir gekauften Häuser in Denia zu bekommen und ist keine Entschuldigung für die von ihm beschafften Fälschungen. Die Polizei hatte bei der Hausdurchsuchung die Unterlagen über diesen Kauf bei mir beschlagnahmt und außerdem hatte ein Informant den ‚Stern’ darüber informiert. Wichtig ist aber der Grund, warum ich in Denia die Häuser auf Ratenzahlung kaufte. Im Braunbuch über Kriegs- und Naziverbrecher der DDR  hatte ich auf Seite 85 gelesen, dass eine Geheimorganisation der SS  in Denia ihren Sitz hatte. Außerdem hatte ich von dem Karlsruher Waffenhändler Medardus Klapper, einem ehemaligen SS-Mann und V-Mann des Bundeskriminalamtes, Informationen und Fotos über ein Aktenversteck dieser Organisation in der Nähe Denias erhalten. Außerdem erzählte mir Klapper, dass sich einmal im Jahr im Restaurant ‚Finita’  in Denia frühere NS-Funktionsträger treffen würden. Als ich dieses unserem Verlagschef erzählte, sagte der mir, dass sein Vater am Rande Denias ebenfalls ein Grundstück erworben hätte. Er hätte dort auch einen ehemaligen SS-Führer gut gekannt, der in Denia eine große Hotelanlage besitzen würde.

Ich hatte auch bereits einige Monate vorher mit dem Ressortchef Dr. Thomas Walde auf dem Weg zum Bundesarchiv in Koblenz darüber gesprochen, dass man sich nach Veröffentlichung der Tagebücher eigentlich in einem versteckt gelegenen Haus verbergen müsste, da evtl. Geheimdienste oder irgendwelche Spinner etwas gegen uns unternehmen könnten. Dieses alles führte dazu, dass ich mich entschloss, in Denia ein Haus zu kaufen, um dort unauffällig Recherchen aufnehmen zu können. Bald darauf erfuhr ich, dass der Nachbar sein Haus verkaufen wollte. Da man von seiner Terrasse direkt auf meines schauen konnte und auch wegen der Nähe jedes Gespräch mitbekam, entschloss ich mich, auch dieses Haus zu kaufen. Dieses Haus ist aber niemals im Grundbuchamt auf mich überschrieben worden. Das erste Haus kaufte ich am 19.06. 1982 und zahlte an diesem Tag DM 40.000,00 in Spanien an. Wenige Tage vorher hatte mir die Verlagsleitung in Ergänzung meines Vertrages vom 12.März 1982 betr. ‚Tagebücher’ eine weitere Zahlung in Form eines Darlehens zugesichert. In § 3, Ziff. 6 mit Datum 11. 06. 1982 hieß es:
„Der Autor erhält ein Darlehen in Höhe von DM 25.000,– pro beschafftem Tagebuch-Band bzw. Sonderband.
Somit sind bis zum heutigen Datum DM 875. 000,– fällig..“

Leisten konnte ich mir also die Ratenzahlungen für die Hauskäufe, weil ich auch in den nächsten Monaten für jedes abgelieferte Tagebuch 25.000,–Mark Vorschuss erhalten sollte und außerdem durch Verkäufe von Antiquitäten zusätzliche Nebeneinnahmen haben würde. Ich habe die Raten für die Häuser im Laufe eines Jahres bar bezahlt, weil solche Geschäfte in Spanien üblich sind. Um meine Motoryacht renovieren zu können, nahm ich noch einmal bei der Deutschen Bank eine Schiffshypothek in Höhe von ca. DM 400.000,– auf, nachdem die erste Hypothek bereits im Frühjahr 1981 zurückgezahlt hatte. Darum versteigerte die Deutsche Bank Anfang 1986 auch die Motoryacht, als ich nach der Tagebuch-Pleite die Raten für dieses Darlehen nicht mehr zahlen konnte. Da ich auch meine Altersversicherung mit Genehmigung des Verlages mit verpfändet hatte, konnte ich alle Bankschulden abdecken und bekam sogar noch eine kleine Summe ausbezahlt.

Seufert behauptet, dass Sie den „Stern“ damals wegen Ihren ernsten Geldschwierigkeiten verlassen wollten, da Ihnen die „Bunte“ mehr Geld geboten hat. Was ist da dran?

Gerd Heidemann: Auch das ist wieder eine Lüge Seuferts. Als ich den ‚Stern“ wegen eines Angebots von „Burda“ verlassen wollte,  war der Grund, dass der Autor Will Tremper,  für den ich Ende der 50er Jahre als Rechercheur beim ‚Stern’ gearbeitet hatte, mich unbedingt zur „Bunten Illustrierten“ haben wollte, für die er inzwischen arbeitete. Als ich mit meiner Entscheidung zögerte, schickte er mir einen bereits vom Verleger Burda unterschriebenen Vertrag, der mir einige Tausend Mark mehr im Monat zusicherte. Noch am selben Tag bearbeitete mich Henri Nannen so lange, bis ich versprach, meine Kündigung zurückzuziehen und beim ‚Stern’ zu bleiben.  Henri Nannen schloss an diesem Tag, den 12. Oktober 1976,  auch einen Buchvertrag über das Thema „Bordgespräche“ mit mir ab und zahlte mir DM 60.000.—Vorschuss darauf. Nannens Kommentar an diesem Tag: „Sie haben sich über 20 Jahre lang keinen Fehler geleistet. Wann immer Sie einmal einen Fehler machen, ich werde immer hinter Ihnen stehen!“

Dass er mir dabei aber in Form eines Strafantrages einen Dolch in den Rücken stoßen würde, erwähnte er nicht. In einem neuen Vertrag, mit Datum 3. November 1976, erhöhte Henri Nannen mein Gehalt von DM 7.000,—auf DM 9.000,– Dabei handelte es sich nur um das Grundgehalt. Von mir aufgenommene und veröffentlichte Fotos wurden zusätzlich honoriert. Bald darauf wurde das Festgehalt noch einmal erhöht. Als Sie Seufert auf meine Kündigung ansprachen, die ich schriftlich am 14. November 1979 eingereicht hatte, hatte ich von keiner Zeitschrift ein Angebot. Ich wollte eine Zeit lang als freier Journalist arbeiten, um ein Buch über meine Reise nach Südamerika schreiben zu können. Mit dem ehemaligen SS-General Karl Wolff hatte ich in Chile, Argentinien, Paraguay, Bolivien und Brasilien geflüchtete frühere SS-Führer aufgestöbert und interviewt. Da die damalige Chefredaktion nicht erkannte, welche Brisanz die Interviews z. B. mit Klaus Barbie, Walter Rauff und andere ehemalige SS-Führer hatten,  wollte ich zumindest ein Buch daraus machen. Erst Jahre später erkannte die Chefredaktion des ‚Stern“ die Bedeutung meiner Gespräche mit Klaus Barbie und veröffentlichte sie in zwei großen Bildberichten, die weltweit nachgedruckt wurden.

Foto: Facta - Dr. Thomas Walde war Heidemanns direkter Vorgesetzter und verhielt sich beim Verhör von Heidemann bemerkenswert ruhig. "Der hat gar nichts dazu gesagt. Der hat dabei gesessen und hat die Klappe gehalten.", so Michael Seufert im Interview

Wieso hat eigentlich Dr. Thomas Walde so viel geschwiegen, als es um die vermeintliche Geldübergabe auf der B5 ging? Seufert sagt dazu, Sie hätten ihm in der Nacht vom 06. auf dem 07. Mai 1983 frech ins Gesicht gelogen, obwohl der Tagebuch-Schwindel bereits aufgeflogen war. Sie behaupteten damals, die Geldbündel auf der B5 während der Fahrt in ein anderes Auto geworfen zu haben…

Gerd Heidemann: In der Nacht, als die Fälschung platzte, wollte wahrscheinlich Dr. Thomas Walde, wie auch ich, den Tagebuch-Lieferanten Konrad Kujau und seine Verwandtschaft in der DDR schützen. Wir ahnten ja noch nicht, dass er der Fälscher war. Diese ganze Geschichte mit der Übergabe des Geldes in der DDR diente ja dazu, keinen Informanten preisgeben zu müssen und dem Verlag die Möglichkeit zu geben, die Ausgaben für die Tagebücher steuerlich absetzen zu können. Mir war es ja ohnehin völlig egal, wo ich das Geld übergab. Da mich Dr. Walde immer wieder drängte, doch solche Scheinübergaben in der DDR zu machen und Kujau mir diese auch zusagte, es aber nie dazu kam, habe ich einfach solche Übergaben erfunden. Denn wenn der Verlag das später hätte steuerlich absetzen wollen und hätte beim Finanzamt angegeben, man hätte einem Mann in Stuttgart in vielen Raten 9,3 Millionen Mark bezahlt, wolle aber den Namen dieses Mannes nicht nennen, kann man sich vorstellen, wie das Finanzamt reagiert hätte.

Das Gericht hat die Geschichte dieser Geldübergaben als Schnapsidee gewertet, deshalb schrieb mir Dr. Walde nach Lektüre des Urteils:
„…machte es ja auch so schwierig, zu einem späteren Zeitpunkt den Verbleib des Geldes ohne Verletzung der damals streng gebotenen Sicherheitsvorkehrungen zu erklären, und sei dies auch nur für das Finanzamt. Aus dieser Zwickmühle heraus entwickelte sich ja die ganz ernstgemeinte Vorstellung, es müsse durch Dich auch mehrmals Geld direkt in der DDR – an wen auch immer – übergeben werden, um eine wahrheitsgemäße, wenngleich nicht erschöpfende Auskunft geben zu können. Und in eben diesem Zusammenhang ist auch die U-Bahn-Übergabe-Idee entstanden, im Jux vorgetragen, aber durchaus ernst gemeint. Es war allen Beteiligten klar, dass eine Eidesstattliche Versicherung über den Verbleib des Geldes – so denn eines Tages erforderlich – nur von Dir kommen konnte.“

Nun war ich in der Nacht, als die Fälschung platzte, völlig fertig mit den Nerven, konnte kaum noch klar denken, hatte auch auf diesen Schreck hin schon Unmengen von Alkohol getrunken, so dass Seuferts Bemerkung, ich hätte ihm frech ins Gesicht gelogen, in Anbetracht seiner späteren frechen Lügerei gegenüber der Kripo und dem Gericht, eine noch größere Frechheit ist. Und auch in den nächsten Tagen hatte ich keine Gelegenheit, allein mit Dr. Walde über diese Sache zu sprechen. Als aber bekannt wurde, dass Kujau der Tagebuchfälscher war, habe ich sofort der Kriminalpolizei gesagt, dass die Geldübergaben in der DDR nicht stattgefunden hätten.

Sind Sie 26 Jahre nach dem Skandal der Meinung, dass Dr. Thomas Walde damals genug getan hat, um Sie gegen die Vorwürfe des „Stern“ zu schützen oder haben Sie sich zeitweilig von ihm im Stich gelassen gefühlt?

Gerd Heidemann: Erstens wusste ich, dass Dr. Walde ein sehr schlechtes Gedächtnis hat, denn während unserer Zusammenarbeit erwähnte er das sehr oft, und ich musste ihm immer wieder bestimmte Ereignisse in Erinnerung bringen, und zweitens ist es nur allzu menschlich, dass er zuerst einmal seinen eigenen Kopf retten wollte. Ich nehme auch an, dass er genauso erschüttert wie ich war und in der ersten Zeit nach dem Tagebuch-Desaster keinen klaren Gedanken fassen konnte. Vor Gericht sagte er aus, dass er gemeinsam mit Wilfried Sorge für die Schriftgutachten die besten Gutachter der Welt beauftragt hatte, ich ihn aber immer wieder gebeten hatte,  auch das Alter der Tinte und des Papiers von Gutachtern bestimmen zu lassen. Da der Verlag aber für diese Gutachten erst nach Erscheinen der Tagebuch-Serie im ‚Stern’ drei Bücher zur Untersuchung freigab, kam das Ergebnis dieser Prüfung zu spät. Bedenken, die das Bundeskriminalamt einige Wochen vor der Veröffentlichung geäußert hatte, hatte ich Dr. Walde sofort mitgeteilt. Deshalb hatte er ja in dem Brief vom 20. April 1983 das BKA um rotes oder grünes Licht für die Veröffentlichung gebeten.

Dass am Vortag von der Chefredaktion die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher in der nächsten ‚Stern’-Ausgabe bereits beschlossen worden war und die Druckmaschinen an diesem Tag bereits anliefen, ist ihm vielleicht gar nicht mitgeteilt worden. Denn dass der Chefredakteur Peter Koch in einem Vorwort zu dem von Dr. Walde und Leo Pesch verfassten Artikel schrieb, dass nun die Geschichte des Dritten Reiches umgeschrieben werden müsse, ist den beiden Autoren ebenfalls verschwiegen worden. Und genau diese Behauptung war es, die einen Sturm der Entrüstung bei den Historikern hervorrufen sollte, zumal die Tagebücher ohnehin nur banale Angaben enthielten.
Es ist mir auch ein Rätsel, warum dieser Brief, der per Eilboten und Einschreiben an das BKA geschickt wurde, nicht dem Gericht als Beweismaterial vorgelegen hatte. Adressiert war dieser Brief an Dr. Louis Ferdinand Werner, Leiter der Abteilung KT 4 (Kriminaltechnik ) beim Bundeskriminalamt.
Warum hatte die Staatsanwaltschaft diesen Brief nicht in ihren Ermittlungsakten?
Ich wusste während des Prozesses leider von diesem Brief nichts und habe die Kopie erst nach meiner Verurteilung von Dr. Walde ausgehändigt bekommen.

Foto: Wikipedia GNU - Konrad Kujau hat Gerd Heidemann erfolgreich an der Nase rumgeführt und Gutachter sowie renommierte Historiker zum Narren gehalten

Sie galten zur damaligen Zeit als einer der besten und penibelsten Rechercheure. Wie hat Kujau es geschafft, Sie so um den Finger zu wickeln? Seufert kritisiert vor allem, dass Sie an Kujaus Haustür zuerst so einen Nachnamen wie  „Kojak“ lasen, später aber nicht stutzig wurden, als er sich als „Konrad Fischer“ vorstellte. So wäre der Namensschwindel von Kujau ja schon am ersten Tag aufgeflogen.

Gerd Heidemann: Als ich Kujau in Ditzingen bei Stuttgart das erste Mal aufsuchte, schneite es sehr stark, so dass die Sicht durch meine Brillengläser durch Schneeflocken stark behindert war. An der Klingelleiste stand der Name „Lieblang“ und darunter noch ein Name, den ich nicht so schnell lesen konnte, denn Kujau öffnete nach meinem Klingeln sofort die Tür. Ich hatte aber so etwas Ähnliches wie „Kojak“ in Erinnerung behalten und sprach Kujau sofort bei unserem nächsten Treffen darauf an. Er antwortete, das sei der vorherige Name seiner Lebensgefährtin gewesen, den sie nur noch nicht vom Türschild entfernt hätte. Da Kujau in seinem Bekanntenkreis allgemein nur als „Konrad Fischer“ bekannt war, kam ich leider nicht auf den Gedanken, dass das ein falscher Name sein könnte. Auch der anerkannte Historiker Prof. Dr. Eberhard Jäckel von der Universität Stuttgart, kannte Kujau nur unter diesen Namen und hatte ihm sein Hitler-Buch mit diesem Namen gewidmet. Bald darauf besucht mich Kujau mit dem Flugzeug aus  Berlin kommend und legte sein Flugticket auf meinen Schreibtisch. Er wollte nachsehen, wann sein Flug nach Stuttgart weitergehen würde. In diesem Flugticket stand der Name „Konrad Fischer“. Damals musste man, wenn man von Berlin-Tempelhof abflog, einen Personalausweis oder Reisepass vorlegen, der natürlich auf Echtheit überprüft wurde.

Warum sollte ich da einen Verdacht haben, dass dieser Name falsch sein könnte?
Später fand ich dieses Flugticket in den Ermittlungsakten  der Kriminalpolizei wieder, genauso wie das Hitler-Buch des Stuttgarter Professors mit der Widmung für „Konrad Fischer“. Ich habe auch oft mit Dr. Thomas Walde darüber gesprochen, ob ich alle Angaben Kujaus über die Beschaffung der Tagebücher in der DDR überprüfen sollte. Doch wir hielten das für zu gefährlich und hatten die Sorge, dass die Stasi davon Wind bekommen könnte. Dazu kam, dass ich zwei Jahre vorher von einem Ingenieur Informationen über einen angeblichen Aufenthalt Martin Bormanns nach Kriegsende in dem Reservelazarett in Bayreuth erhalten hatte. Um die Glaubwürdigkeit dieses Zeugen zu überprüfen, hatte ich mich in seinem Bekanntenkreis vorsichtig nach ihm erkundigt. Daraufhin schrieb er einen empörten Brief über mein Verhalten an unseren Chef vom Dienst bei  ‚Stern’ und teilte diesem mit, er wolle mit mir nichts mehr zu tun haben. So etwas wollte ich natürlich nicht noch einmal erleben, zumal ich befürchten musste, bei Nachforschungen in Kujaus sächsischen Heimatort eventuell seine Verwandten in Gefahr zu bringen. Wie ich später in Ermittlungsakten der Polizei feststellen konnte, hatte Kujau sich den Nachnamen „Fischer“ bereits im Januar 1964 zugelegt. In zahlreichen amtlichen Schreiben wird er unter diesen Namen geführt. Erst 1968 kam bei der Kriminalpolizei der Verdacht auf, dass er in Wirklichkeit der am 27.6.1938 in Löbau geborene Konrad Kujau sein könnte. Dazu befragt, erklärte Kujau im schriftlichen Protokoll am 14. März 1968:

„Meine richtigen Personalien lauten:
F i s c h e r,  Peter, Konrad,
geb. 26. 6. 35 in Görlitz
z.Zt. ohne festen Wohnsitz,
von Beruf bin ich gelernter Koch, habe auch schon als Kellner gearbeitet.
Wenn ich hier in der Pension Eisele unter den abgeänderten Personalien aufgetreten bin, so geschah dieses, weil ich einfach nicht wollte,  dass meine richtigen Personalien bekannt werden.
Ich bin zuletzt bei der Nationalen Volksarmee der DDR in Niederschöneweide, Offiziersschule Rosa Luxemburg für ABC-Abwehrwaffen (Lager: Kali-Chemie) als Leutnant gewesen. Am 4. 7. 63 trat ich dort als Offiziersschüler ein und entfernte mich von dieser Einheit am 11. 12. 63 unerlaubt in Zivil…“

Kujau schilderte dann wortreich seine angebliche Flucht in den Westen, und der Bericht endete mit dem Vermerk der Kriminalpolizei, dass der angebliche Fischer wegen wiederrechtlicher Ingebrauchnahme eines Berliner Personalausweises  etc. in Polizeigewahrsam genommen wurde. Am 29. März 1968 gab Kujau dann gegenüber der Polizei zu, dass sein richtiger Name Kujau und nicht Fischer sei und er sich diesen Namen nur zugelegt hatte, um eine gegen ihn verhängte Gefängnisstrafe nicht absitzen zu müssen. Nun war diese Gefängnisstrafe, die Kujau absitzen musste, kein Grund für ihn, von nun an nicht wieder straffällig zu werden. Immer wieder geriet er mit der Justiz in Konflikt, nahm wieder den Namen „Fischer“ an,  gab sich als ehemaliger Oberst der Bundeswehr aus und mogelte sich mit Lügereien und kleinen Straftaten durchs Leben. Die Strafakten gegen ihn füllen zwei Bände.
Seltsamerweise wurde dieses kriminelle Vorleben des Tagebuch-Fälschers und seine ewige Lügerei gegenüber den Behörden, vom Gericht während des Tagebuch-Prozesses überhaupt nicht erwähnt.
Aber die dazu gehörenden Akten standen sicher auch dem ‚Stern’ zur Verfügung, da der Verlag einen Rechtsanwalt mit einer Nebenklage beauftragt hatte. Und trotzdem glaubte man diesem Kriminellen mehr als mir, der ich mir beim ‚Stern’  dreißig Jahre lang nichts hatte zuschulden kommen lassen.

Als ich Kujau kennen lernte, ahnte ich ja nichts von seiner kriminellen Vergangenheit. Ich hatte sogar das Landesamt für Verfassungsschutz  in Hamburger um eine bestimmte Ermittlung bei den Kollegen in Stuttgart gebeten, bevor ich diesen Mann das erste Mal aufsuchte. Von seinen Bekannten hatte ich erfahren, dass „Konrad Fischer“ im Oktober 1979 in Stuttgart in eine Schießerei zwischen Jugoslawen geraten war und sich dabei eine Kopfverletzung zugezogen haben sollte. Darum bat ich einen mir bekannten Mitarbeiter des LfV, mir doch über diesen Mann Näheres mitzuteilen. Doch der Verfassungsschutz konnte angeblich dazu keine näheren Einzelheiten herausbekommen, obwohl ich später in den Stuttgarter Polizeiakten den Vorgang ausführlich beschrieben vorfand. Kujau hatte gegenüber der Polizei sogar von seiner Verbindung zum Verfassungsschutz in Baden-Württemberg  und zur Militärischen Abwehr gefaselt.
Und zu seinem Pseudonym „Fischer“ erklärte er in der Vernehmung am
4. 2. 1980:

„Wenn ich mich als Fischer ausgegeben habe, dann deshalb, weil ich unter diesem Pseudonym bereits mehrere Bücher, zusammen mit einigen Historikern, herausgegeben habe. Der Grund, warum ich unter dem Namen Fischer schreibe, liegt darin, dass ich noch Verwandte in der DDR habe und diese regelmäßig besuche. Dies könnte ich nicht mehr tun, wenn ich unter meinem richtigen Namen schreiben würde, zumal es sich um Bücher handelt, die sich in erster Linie mit dem Naziregime und mit der Person Adolf Hitler befassen…
Ich habe am 7. 11. 77 an der Uni in Tokio,  1978 an der Uni in Miami und im August 1979 in Pretoria Vorträge über das Dritte Reich gehalten.

Von diesen drei Universitäten habe ich aufgrund meiner Tätigkeit jeweils den Ehrendoktor erhalten.“

Man sieht hier, wie schamlos Kujau die Polizei anlog. Mir gegenüber hat solche Aussagen, die ich sofort überprüft hätte, niemals gemacht. Er trat sehr bescheiden auf und machte auch niemals eine Andeutung über einen angeblichen Doktor-Titel. Wäre ich aber dahintergekommen, dass sein richtiger Name „Kujau“ lautete, hätte er sicher sofort eine passende Ausrede parat gehabt und erzählt, dass er seine Verwandtschaft in der DDR schützen müsste.

Foto: Bundesarchiv - Hochrangiger SS-General Karl Wolff (ca. 1937). In den 80ern sah er aus, wie ein gewöhnlicher Rentner und hatte - trotz seiner SS-Vergangenheit - durchaus den Charme eines älteren Herren. Zu dieser Zeit entwickelte sich eine Freundschaft zwischen ihm und dem damaligen "Stern"-Reporter Gerd Heidemann, der mit ihm zusammen Recherchen in Südamerika durchführte, die ihn auf die Spur von geflüchteten und untergetauchten SS-Verbrechern führen sollten. "Wolff war damals der höchste noch lebende SS-General.", so Heidemann.

Ihre Kritiker sind auch immer wieder befremdet darüber, welche angebliche Nähe Sie damals zu ehemaligen SS-Größen hatten. SS-Generäle Mohnke und SS-General Karl Wolff sollen damals Ihre Trauzeugen gewesen sein – ein Hauch von NS-Romatik. Seufert sagt dazu: „Das war eine so liebevolle Beziehung, dass Heidemann immer nur noch von „Wölffchen“ gesprochen hat.“

Gerd Heidemann: Es ist merkwürdig, dass ich vor der Tagebuch-Affäre niemals einen solchen Vorwurf zu hören bekam. Im Gegenteil, in einer Sternkonferenz widersprach Henri Nannen dem Vorschlag eines Ressortleiters, der etwas über Wolff schreiben wollte, mit der Bemerkung: „Nein, über General Wolff veröffentlichen wir nichts, das ist ein Freund von Heidemann.“ Und nun zu Seuferts Vorwurf  wegen der Trauzeugen.

Mein Trauzeuge sollte eigentlich unser ehemaliger Ressortchef für Wissenschaft und Technik Ulrich Blumenschein sein. Der war zwar zur „Bunten Illustrierten“ gewechselt, wollte aber am Tag meiner Hochzeit ohnehin nach Hamburg kommen. Eine Woche vor der geplanten Hochzeit besuchte ich mit meiner damaligen Verlobten das Ehepaar Mohnke in Barsbüttel-Stemwarde bei Hamburg.  Natürlich kam man auf die bevorstehende Heirat zu sprechen, und meine Verlobte meinte, sie wüsste gar nicht, was sie an dem Tag anziehen solle. Daraufhin bot ihr die holländische Ehefrau des früheren SS-Generals  eine mit einem Pelzkragen versehene  Kostümjacke an und fragte:  „Habt Ihr denn auch schon Trauzeugen?“ Ich antwortete, dass ein ehemaliger Kollege unser Trauzeuge sei und ich einen zweiten schon noch finden würde. Bei meiner vorigen Hochzeit hätte ich einfach den Taxifahrer als Trauzeugen genommen.

„Dann nehmt doch lieber Wilhelm als Trauzeugen“, sagte Frau Mohnke und sah ihren Mann an. „Nicht wahr, Wilhelm, Du machst das doch gern?“ Der nickte und stimmte dem Vorschlag seiner Frau zu.
Da meine Zukünftige sich die Kostümjacke ausleihen wollte, konnte ich natürlich keinen Rückzieher mehr machen, das wäre sehr unhöflich gewesen. Einige Tage später besuchte mich der ehemalige SS-General Karl Wolff, der bei meinem Kollegen Jochen von Lang in der Nähe wohnte. Die beiden arbeiteten an einer Biographie über Karl Wolff. Jochen von Lang, der Autor vieler Bücher über das Dritte Reich, späterer Träger des Bundesverdienstkreuzes und beim ‚Stern’ damals für zeitgeschichtliche Themen zuständig,  duzte Wolff , sprach ihn abwechselnd  mit ‚Karl’ oder ‚Wölffchen’ an,  und deshalb hatte ich mir das ebenfalls angewöhnt. Während ich mich nun mit dem alten Herrn unterhielt, klingelte das Telefon und Ulrich Blumenschein war am Apparat. Er rief aus Offenbach an und teilte mir mit, dass er nun doch nicht mein Trauzeuge sein könne, denn er müsse ausgerechnet an meinem Hochzeitstag seinen Chef Hubert Burda nach München begleiten. „Ach“, sagte ich, „das macht nichts, ich werde schon noch einen zweiten Trauzeugen finden. Einen habe ich ja schon, das ist Wilhelm Mohnke.“

Nachdem ich den Hörer wieder aufgelegt hatte, sagte Karl Wolff etwas pikiert: „Aber Gerd, wenn nun schon Mohnke der eine Trauzeuge ist, wäre es mir eine große Ehre, der zweite Trauzeuge sein zu dürfen.“ Wieder wollte ich höflich bleiben und den alten Herrn nicht vor den Kopf stoßen. Ich wusste ja, dass die beiden Generale etwas eifersüchtig aufeinander waren. Und so wurden der ehemaligen Kampfkommandant der Reichskanzlei, SS-Brigadeführer Wilhelm Mohnke, und der ehemalige SS-Obergruppenführer und Höchste SS-und Polizeiführer und Bevollmächtigte General der Deutschen Wehrmacht in Italien Karl Wolff, meine Trauzeugen. Im Standesamt von Hamburg-Altona fühlte man sich durch diese „Prominenz“ so geehrt, dass Mohnke die Zeremonie auf dem prachtvoll geschnitzten Stuhl des ehemaligen Altonaer Bürgermeisters verfolgen durfte. Und dass ich solche Trauzeugen gehabt hatte, half mir bald darauf bei meinen Recherchen in Südamerika, wo ich geflüchtete ehemalige SS-Führer und NS-Funktionsträger aufspürte und interviewen wollte.
Diese erzählten mir alles über ihr Vorleben und ihre Flucht, was sie sonst einem ‚Sternreporter’ niemals anvertraut hätten.

Seufert schreibt in seinem Buch, dass Sie am Freitag dem 13. von Kujau die ersten Hitler-Tagebücher erhalten haben. Angeblich Ihr Glückstag…War Freitag der 13. bis dahin wirklich immer Ihr Glückstag?

Gerd Heidemann: Ausnahmsweise stimmt diese Behauptung Seuferts. An diesem Tag, Freitag, den 13. Februar 1981, habe ich wirklich von Konrad Kujau die ersten Hitler-Tagebücher in Stuttgart erhalten. Da mir bisher auch nie an einem Freitag, den 13. etwas Schlimmes passiert war, habe ich mir eingeredet, dass das mein Glückstag ist.  Denn da ich ein Optimist bin, bin ich nur abergläubisch, wenn ich ein bestimmtes Omen positiv auslegen kann. Und wer weiß, ob das wirklich ein Unglückstag für mich war. Mein Wahlspruch und der meines Kriegskumpels Randolph Braumann, mit dem ich viele Kriege in Afrika heil überstanden hatte, lautete: „Mal im Luxus und mal in der Sch…ße!“  Und darum habe ich das Letztere auch akzeptiert und seelisch gut überstanden. Irgendwann kommt die Wahrheit immer raus, und dann werden solche Menschen wie Seufert entsprechend anders beurteilt.

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, was aus Ihnen und der Welt geworden wäre, wenn die Tagebücher sich doch als echt herausgestellt hätten?

Gerd Heidemann: Ich habe zwar nie richtig darüber nachgedacht, was aus mir und der Welt geworden wäre, wenn die Tagebücher echt gewesen wären. Ich nehme aber an, dass ich durch den Stress, den die Sache mit sich gebracht hätte, schon längst die Radieschen von unten besehen hätte.
Die Welt hätte sich durch die banalen Einträge in den Tagebüchern auch nicht geändert. Dass die Geschichte des Dritten Reiches umgeschrieben werden müsse, hatte ja nur der ehemalige britische Nachrichtenoffizier Hugh Trevor-Roper, von der Königin zum „Lord Dacre of Glanton“ geadelte Professor der Geschichte und Hitler-Experte, behauptet.  Er hatte mit seinen eingeschränkten Deutsch-Kenntnissen die Tagebücher studiert und zu 99,5 Prozent für echt gehalten. Und einer unserer drei Chefredakteure hatte diese kühne Behauptung in einem Vorwort zur Serie im ‚Stern’ nur allzu bereitwillig nachgeplappert.

Glauben Sie, dass Kujau für die Hitler-Tagebücher alleine verantwortlich war? Es gab immer wieder Vermutungen, Kujau könnte bei der Umsetzung der Tagebücher Hilfe bekommen haben.

Gerd Heidemann: Ich hatte nach der Entlarvung der Fälschung den Verdacht, dass Kujau einen Hintermann hatte, der zumindest die Eintragungen noch einmal überprüft haben musste. Denn sonst lässt sich nicht erklären, dass Kujau mir einige Stunden vor Übergabe ständig eine höhere Anzahl Tagebücher versprach, als er mir nach meinem Eintreffen in Stuttgart übergeben konnte. Seine Ausrede war meistens, die Bücher wären in einem Transport von Klavieren und Flügeln aus der DDR versteckt und er hätte sie von dem bestochenen Fahrer an einer Autobahnraststätte übernommen. Leider seien aber noch weitere Bücher in einem hinteren Flügel verborgen, an den man nicht herankommen konnte.  Der Fahrer müsse zuerst die Flügel und Klaviere aus dem vorderen Teil des LKW’s bei den betreffenden Kunden abladen, dann bekäme er, und damit auch ich, die anderen Tagebücher.  Dass diese Geschichte nicht stimmte, war nach Auffliegen der Fälschung klar. Herstellen aber hätte Kujau innerhalb von drei Stunden, die zwischen seinem morgendlichen Anruf bei mir und meinem Eintreffen in Stuttgart vergingen, keine kompletten Tagebücher. Leider konnten weder Kriminalpolizei noch der ‚Stern’ diese Geschichte klären.

Gitta Sereny hat die Theorie aufgestellt, dass eine Clique von Altnazis möglicherweise hinter Kujau die Fäden gezogen hat. Die undurchsichtige Person mit dem Namen Klapper soll Ihnen sogar die Geschichte vom lebenden Martin Bormann aufgeschwatzt haben – alles Quatsch, wie sich später herausgestellt hat. Hat man Sie reingelegt?

Gerd Heidemann: Ganz bestimmt gab es keine Clique von Nazis, die hinter Kujau stand. Kujau kam es nur aufs Geldverdienen an. Da ich inzwischen seine gesamten Vorstrafenakten kenne, weiß ich, dass er Jahrzehnte lang kleine kriminelle Taten begangen hat, bis er den großen Coup landen konnte. Und was den Waffenhändler Medardus Klapper angeht, hatte ich diesen Mann schon Jahre vor meiner Bekanntschaft mit Kujau durch das Bundeskriminalamt kennen gelernt. Klapper betrieb in Karlsruhe ein Waffengeschäft und arbeitete nebenbei als V-Mann für das BKA und für die Karlsruher Kriminalpolizei. Ich hatte auch bereits mit ihm andere Reportagen gemacht, bis er dem ‚Spiegel’ und mir Unterlagen über angebliche Schätze Hermann Görings aushändigte. Mit der Geschichte über das angebliche NS-Aktenversteck in der Nähe von Denia und Martin Bormanns und anderer ehemaliger NS-Funktionsträger  Aufenthalt in Madrid rückte er später heraus.  Als er mir das in Hamburg erzählte, bat ich den Ressortleiter Dr. Thomas Walde und den stellvertretenden Verlagsdirektor Wilfried Sorge zu mir, damit auch sie Klapper dazu befragen konnten. Und diese Herren schlossen mit Klapper über dieses Thema einen Vertrag und bestimmten darin, dass ich der Verbindungsmann zu Klapper und den Leuten in Madrid sein sollte. Was ich in der Folgezeit mit Klapper erlebte, würde ein ganzes Buch füllen.

Er lieferte auch Fotos von dem angeblichen Bormann und hatte dazu offensichtlich einen älteren Herrn gefunden, der eine gewisse Ähnlichkeit r mit dem früheren Reichsleiter hatte. Selbst die Narbe, die der echte Bormann im Gesicht gehabt hatte, hatte dieser Mann an der richtigen Stelle.  Ich stellte Klapper auch bestimmte Fragen, die nur Bormann beantworten konnte und die mir Klapper bald darauf richtig beantworten konnte. Was ihn mit Kujau in Verbindung bringen konnte, war folgende Episode: In dem Sonderband über Rudolf Heß, den uns Kujau geliefert hatte, war von einem SS –Hauptsturmführer „Lerekmann“ oder „Lertzmann“ die Rede, der zur Überwachung von Heß von Bormann abgestellt worden war. Wir konnten diesen Namen in der Hitler-Handschrift einfach nicht richtig entziffern.
Dr. Walde schlug mir deshalb vor, doch Klapper zu bitten, Bormann zu fragen, wie der richtige Name dieses Mannes gewesen sei. Das tat ich und oh Wunder, beim nächsten Treffen brachte mir Klapper Originalakten dieses SS-Führers mit. Er hieß Laackmann. Nun erkannten wir diesen Namen ebenfalls in der Hitler-Handschrift. Für uns waren diese Originalpapiere aber wieder ein Indiz dafür, dass an Klappers Aussagen doch etwas dran war. Nach der Tagebuch-Pleite habe ich diese Papiere dem Berliner Staatsanwalt Mehlis zur Verfügung gestellt und ihn gebeten, beim Document Center festzustellen, ob diese vielleicht dort gestohlen waren. Und das bestätigte sich, da sie dort zwar auf Mikrofilm aufgenommen waren, im Original allerdings fehlten.

Aber meine Hoffnung, dass vielleicht die Kriminalpolizei oder der ‚Stern“ eine Verbindung zwischen Kujau und Klapper ermitteln würden, wurde enttäuscht. Und als meine Anwälte auf meine Bitte hin während des Tagebuch-Prozesses den Beweisantrag stellten, Medardus Klapper als Zeuge vorzuladen und ihn zu diesen Sachen anzuhören, wurde das von der Großen Strafkammer 11 abgelehnt.
Staatsanwalt Klein triumphierte sogar mit der Bemerkung: „Gott sei Dank ist uns hier Herr Klapper erspart geblieben!“ So sah die Wahrheitsfindung der Staatsanwaltschaft aus. Denn vor dem Gericht hätte Klapper ja nicht lügen dürfen, wäre eventuell vereidigt worden. In allen Aussagen vor der Staatsanwaltschaft hatte er vorher die gleiche Geschichte über den angeblich noch lebenden Martin Bormann, mit dem er Kontakt hätte, zu Protokoll gegeben, wie er sie mir auch erzählt hatte.
An der Aufklärung  dieser Geschichte war aber offensichtlich weder das Gericht noch der Staatsanwalt interessiert. Natürlich fühlte ich mich von Klapper reingelegt und habe deshalb eine Privatklage gegen ihn in Karlsruhe eingereicht. Diesen Prozess  habe  gewonnen, aber trotzdem das an Klapper gezahlte Geld niemals zurück bekommen. Inzwischen ist auch dieser Herr verstorben, wie so viele, denen ich keine Träne nachweinen muss.

Was würden Sie rückblickend als Ihre größten journalistischen Schwächen und Stärken bezeichnen?

Gerd Heidemann: Meine größte journalistische Schwäche war meine fehlende Neugier und  fehlendes Misstrauen. Ich habe mich lieber enttäuschen lassen, als Menschen mit Misstrauen zu begegnen. Über meine journalistische Stärke urteilte das interne Gruner + Jahr Verlagsblatt „Zeitschriften intern“ am 27. April 1983:
„Immer wenn es brenzlig wird, muss Gerd Heidemann ran. Kollegen nennen ihn neidlos den hartnäckigsten raffiniertesten Reporter in Deutschland, den zähesten Spürhund, der sich denken lässt.“

So hatten mich auch jahrelang Konkurrenzblätter beurteilt. Aber wenige Tage später war es damit vorbei. Es bestätigte sich wieder einmal, was immer meine Meinung war: Ein Reporter ist nur so gut, wie seine letzte Geschichte. Und wie ich mich fühlte, sagte ich nach der Tagebuch-Pleite amerikanischen Journalisten: „Gestern noch auf hohen Rossen, heute durch die Brust geschossen!“

1992 ist die ganze Geschichte noch einmal mit Uwe Ochsenknecht als Tagebuch-Fälscher „Prof. Dr. Fritz Knobel“ und Götz George in der Rolle des HHpress-Reporters „Hermann Willié“ im Film „Schtonk“ verfilmt worden. Wie hat Ihnen der Film gefallen? Für Sie soll ursprünglich sogar eine Nebenrolle geplant gewesen sein.

Der Film hat mir sehr gut gefallen, er hatte nur nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Das einzig Echte an dem Film waren die falschen Tagebücher. Es war für mich keine Rolle eingeplant, sondern ich war zu den Dreharbeiten und zur Geburtstagsfeier des Regisseurs Helmut Dietl  eingeladen worden.  Kurz vorher hatte man in Hamburg die berühmte Pressekonferenz des ‚Stern“ nachgestellt und hatte dazu Studenten als Komparsen gesucht, die Journalisten mit und ohne Kamera darstellen sollten. Ich sagte zu Dietl: „Ich hätte ja gern einen Reporter gespielt und gefragt, ob die Bücher auch wirklich echt sind.“
„Diese Szene ist leider abgedreht“, antwortete Dietl, „aber Sie können den Wasserschutzpolizisten spielen, der den Reporter festnimmt.“

Diese Rolle nahm ich natürlich gern an. Mich selbst festnehmen zu dürfen, fand ich natürlich toll. Leider wurde das Drehbuch wieder etwas umgeschrieben, und so stand ich in Polizeiuniform nur auf der Barkasse der Wasserschutzpolizei und begleitete die Motoryacht „Carin II“  des Reporters durch den Hamburger Hafen. Aber gelohnt hatte sich meine kleine Rolle dennoch. Außer dem Honorar von fünfhundert Mark bekam ich das Drehbuch ausgehändigt, an das ich sonst nicht gelangt wäre.

Anfang der 80er Jahre haben Sie sich als Künstler versucht und eine interessante Collage mit Idi Amins Unterhose zusammengestellt. Haben Sie die Unterhose von Idi Amin damals eigentlich mit der Kneifzange angefasst?

Die Unterhose lag im Schlafzimmer-Kleiderschrank in seinem Haus am Viktoria-See. Sie war offensichtlich frisch gewaschen, hatte allerdings einige braune Flecken, die offensichtlich mit Ugandas Waschmitteln nicht ganz entfernt werden konnten. Da ich im Kriegsgebiet ohnehin schmutzige Hände hatte, habe ich sie natürlich angefasst und in meine Kameratasche gepackt. Von den toten Kollegen wurde in der Stern-Redaktion bald nicht mehr gesprochen, dafür aber immer wieder von Idi Amins Unterhose. Besonders Henri Nannen fragte mich mehrmals danach. Jetzt hat sie der bekannte Schauspieler Jan Fedder in seiner Kuriositäten-Sammlung. Er hat sich sehr gefreut, als ich ihm dazu auch einige Fotos des dicken Diktators geschenkt habe.

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Interview: JMH-Reporter Schulz

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