„La Belle Bizarre du Moulin Rouge“ – Interview mit den Musicaldarstellern Anna Montanaro und Jesper Tydén.


©Privat/C. De Pooter – „La Belle Bizarre du Moulin Rouge“

Anna Montanaro und Jesper Tydén sind  auf nationalem und internationalem Parkett  gefragte Künstler. Anna Montanaros  außerordentliche Karriere führte sie an das Londoner Westend und an den New Yorker Broadway. Sie ist die dritte deutsche Darstellerin, die je eine Hauptrolle am Broadway  erhielt. Jesper  Tydén ist ein großartiger Musicaldarsteller und Songwriter aus Schweden. Er war auf großen Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz für zahlreiche Produktionen engagiert. jungeMedien Hamburg traf die beiden Musicalstars  in Innsbruck, wo sie eindrucksvoll die Hauptrollen des Musicals „La Belle Bizarre du Moulin Rouge“ verkörperten.

Foto: Angela Ender (www.angelchen.de.vu) - Das Moulin Rouge feierte gerade seinen 120. Geburtstag

Anna, was begeistert dich am Musical?
Anna: Ach Gott, so vieles! Aber ich glaube, am meisten begeistert mich die Vielseitigkeit. Das Gesang, Tanz und Schauspiel ineinander übergreifen. Der Reiz am Musical liegt daran, dass man alle drei Sparten gut beherrschen muss. Ich habe mich früher auch gefragt, ob es nicht reizvoll wäre, ein reines Schauspielstück aufzuführen. Aber die Antwort war klar, seit 15 Jahren liebe ich es auf der Bühne stehend zu singen, tanzen und zu schauspielern. Das ändert sich demnächst zwar ein bisschen, da ich bald mein erstes reines Schauspielstück  aufführen werde, aber das ist ein ganz persönlicher Prozess, der bei mir stattgefunden hat. Ich spiele die Rolle der  „Titania“  im „Sommernachtstraum“ in Klagenfurt. Das ist das Tolle, dass man als gelernter Musicaldarsteller die Chance hat, in jede Sparte reinzuschnuppern.

War dieser Beruf dein Kindheitstraum?
Anna: Ich wusste schon sehr früh, dass ich keinen „normalen Bürojob“  ergreifen werde. Ich war 10 Jahre lang im Kunstturnverein, habe mir zu Hause Tänze ausgedacht und die musste sich jeder angucken. Ich glaube, ich habe meine Familie damit ziemlich genervt.Durch das Kunstturnen (Boden, Pferdsprung, Stufenbarren und Schwebebalken) kam ich dann zum Tanz. In meinem Verein  war Tanzunterricht Pflicht. So ging ich dann zum Ballettunterricht. Am  Anfang war ich davon nicht gerade begeistert, aber  nach ein paar Jazz-,Modern- und Steppstunden schlug es in Leidenschaft um. Mit  Gesang kam ich im Chor und in der Musikschule in Berührung. Bereits nach der 10.Klasse habe ich die Schule abgebrochen und bin als jüngste Schülerin, mit 16 Jahren, auf die „Stage School Hamburg“ gegangen. Ich wollte beides: Gesang und  Tanz miteinander verbinden, und da kam mir die „Stage School“ gerade gelegen.

Jesper, wie bist du zum Musical gekommen?
Jesper: Es war eher ein Zufall. Ich komme aus einer Musikerfamilie, begann mit 10 Jahren zu singen und habe eine pädagogische Ausbildung zum Gesangspädagogen und Musiklehrer am Musikkonservatorium in Stockholm abgeschlossen. Man hat dort mind.18 verschiedene Fächer und spielt Klavier, Gitarre, E-Bass und singt im Chor. Irgendwann war mir das dann zu fade und ich wollte mich weiterentwickeln. Dann habe ich spaßeshalber an der  Musicalschule in Göteborg vorgesprochen. So kam es, dass ich mit 22 Jahren zum Musical gekommen bin. Die Schule hat ihren Schwerpunkt mehr  in Schauspiel und Gesang als im Tanz.

Anna: Ich finde, du kannst toll tanzen!

Anna, wie war deine Zeit während der Ausbildung?
Anna: Ich denke sehr gern daran zurück. Es waren echt drei super Jahre. Jetzt in meinem Alter fällt es mir noch viel mehr auf: man war so frisch! Man wurde nicht müde – jeden Morgen um 8 Uhr aufzustehen hat mir nichts ausgemacht und dann ging es abends weiter mit den „Open Classes“ (freiwilliger Tanzunterricht, der nach der regulären Schulzeit angeboten wird) bis 22 Uhr. Ich habe alles aufgesogen.  Es ist nicht jedermanns Sache zu einer Musical Schule zu gehen, aber für mich persönlich war es der allerbeste Weg.

Hattest du ein Lieblingsfach?
Anna: Ich hab mich auch am meisten auf die Tanzstunden gefreut.

Was hat sich während der 3-jährigen Ausbildung verändert?
Anna: Das erste Jahr war recht engstirnig von mir auf das Fach „Tanz“ bezogen. Dann kam das Gefühl auf, dass mir der Gruppenunterricht im Schauspiel zu wenig ist und ich nahm private Einzelstunden. Ich war begeistert. Der Lehrer war fantastisch, er hat mich an Shakespeare herangeführt und mich das Stück lieben gelehrt. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass ein Darsteller – egal ob Sänger, Tänzer oder Musicaldarsteller -,ohne ein gewisses Talent für’s Schauspiel verloren ist. Man kann  durch Tanz nur tolle Geschichten erzählen,  wenn man seinen Körper als schauspielerisches Instrument benutzt. Oder als Sänger kann man eine geniale Stimme haben, aber wenn man den Liedtext nicht fühlt und an sich ran lässt, wirkt  die Performance einfach nur flach. An der Schule habe ich gelernt: Es hängt alles unter einer großen Glocke des Schauspiels.

Jesper: Musical ist ja nichts anderes als ein Musik-Drama. Das Interessante daran ist, dass  es immer neue Musicals gibt, die in unserer Zeit spielen. Das heißt, das Schauspiel und die Musik sind immer sehr aktuell.

Was würdet ihr jungen Menschen raten, die diesen Weg gehen wollen?
Anna: Ich finde eine gewisse Bescheidenheit gehört dazu. Ich arbeite oft mit frischen Absolventen zusammen. Da hat sich etwas geändert oder Jesper? Ich habe das Gefühl, dass manche fertig mit der Ausbildung sind und meinen sie müssten jetzt nur noch die Hauptrollen spielen. Viele denken auch, dass man nach diesen 3 Jahren ausgelernt hat. So ist es aber nicht, man lernt gerade auf der Bühne immer weiter und darf damit auch nicht aufhören.

Jesper: Das ist es auch was ich an dem Beruf so schätze: Man lernt immer dazu, begegnet neuen Menschen und arbeitet an neuen Charakteren. Es ist aber auch ein harter Beruf. Man muss auch willig sein, viel zu opfern. Ich würde niemandem davon abraten, es mit diesem Beruf zu probieren. Schließlich ist es toll ihn auszuüben. Ich fühle mich regelrecht privilegiert als Musicaldarsteller arbeiten zu dürfen. Nimmt man das Beispiel „Susan Boyle“, die bei der Castingshow „ Britains Got Talent“  mitgewirkt hat. Sie wurde dort ausgelacht, weil sie 47 Jahre alt ist und nie professionell auf der Bühne stand. Diese Frau hat eine super Stimme, Ausstrahlung, Charisma und Präsenz, und sie hat so eine Sehnsucht nach diesem Job verspürt. Als sie anfing zu singen, sind alle aufgestanden und haben applaudiert. Das ist herzergreifend .

Seit ihr vor „La Belle Bizarre du Moulin Rouge“ schon mal zusammen aufgetreten?
Anna: Wir haben auf Galas zusammen gesungen.

Wie war die Zusammenarbeit bei „La Belle Bizarre du Moulin Rouge“?
Beide: Es war ganz fantastisch!

Anna: Also ohne Jesper wüsste ich nicht, wie ich die Show gemeistert hätte.

Jesper: Wir haben in allen Punkten gemeinsame Lösungen gefunden und uns sehr gut ergänzt! Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Anna: Der Jesper ist auch sehr wach. Auch wenn ich Kleinigkeiten anders mache, reagierst du total darauf.

Jesper: Ich  merke bei dir auch, wie gut du auf mich eingehst.

Anna: Es gibt eben auch Darsteller, die das nicht können. Sie studieren einmal etwas ein und beharren darauf, dass es jeden Abend so bleibt, weil sie sonst durcheinandergebracht  werden. Das finde ich persönlich wahnsinnig anstrengend und langweilig.

Jesper: Es lebt dann nicht wirklich, wenn man immer genau dasselbe macht. Das ist für mich dann keine Kreativität.

Wie geht es bei euch nach „La Belle Bizarre du Moulin Rouge“ beruflich weiter?
Anna: Ich spiele „Evita“ in Tecklenburg  und danach kommt der „Sommernachtstraum“. Außerdem spiele ich die „Dinner- Show“ im Capitol Theater.

Jesper: Ich mache erst mal ein bisschen Urlaub, und dann fange ich an mit der Wiederaufnahme von „Les Miserable“ im Sommer in Klagenfurt. Ab September spiele ich dann in Klagenfurt „Sweeney Todd“.

Anna, du hast am Broadway im Stück „Chicago“ mitgewirkt. Wie bist du zu diesem Job gekommen?
Anna: Erst mal bin ich ganz normal zur Audition gegangen. Es war sogar ein Open Call, wo sich jeder einschreiben kann. Dann kam der Re-Call und der Final Call. Daraufhin bekam ich das Angebot für Wien. Der amerikanische Regisseur „Walter Bobbie“ kam vorbei und hat mich in der Show gesehen. Er fragte mich dann, ob ich am nächsten Tag zu ihm kommen möchte, um auf Englisch vorzusingen und vorzusprechen. Das hab ich dann gemacht und bin dann mit 25 Jahren direkt im Anschluss nach London gegangen und habe „Chicago“ am Westend gespielt. Dann kam das Angebot für den Broadway.

Arbeitet man in New York ganz anders als in Deutschland?
Anna: Ich muss sagen, die Produktion am Broadway war die schlechteste von allen Chicago Produktionen.Die neuen Show’s am Broadway sind natürlich auf einem unglaublichen Niveau.Diese Klasse ist auf der ganzen Welt unerreicht. Als ich nach New York kam, lief „Chicago“ dort aber schon 4 oder 5 Jahre. Dort gibt es nicht wie in Deutschland einen „Residence Director“, der alle Produktionen betreut. Am Broadway gibt es einen „Stage Director“, der mich dort vier Tage eingearbeitet hat, um mir zu sagen wo ich auf und ab gehe.

Es gab zwar einen „Dance-Captain“, allerdings war er total überfordert, weil ständig neue Darsteller dazu kamen. Die Show war einfach in keinem guten Zustand mehr, sondern war recht auseinandergefallen.Es ist auch ein Klischee, das am Broadway alle solange arbeiten, bis sie umfallen. Ich habe dort 3 Monate lang gespielt und ich war die Einzige vom ganzen Cast, die alle Vorstellungen gespielt hat.Da hat sich jeder mal einen „Off-day“ genommen.

Wie hast du die Arbeitserlaubnis bekommen?
Anna: Ich bin Mitglied der Londoner Equity. Über diese Arbeitsgenossenschaft lief auch mein Vertrag am Broadway.

Wie schafft ihr es, eure Hauptrollen jeden Abend aufs Neue mit hundertprozentiger Energie zu spielen?
Anna: Mit Freude! Ich bin sowieso mein größter Kritiker und ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, wenn ich nur mit halber Kraft spielen würde. Das kann ich nicht.

Jesper: Das sehe ich auch so.

Musicaldarsteller ist kein Job wie jeder andere. Man ist viel unterwegs und führt ein unregelmäßiges Leben. Wie funktioniert ein Eheleben, wie du es führst, wo beide den gleichen Beruf ausüben?
Jesper: Es ist toll, wenn man zusammen arbeitet. Es funktioniert solange, bis eine Familie da ist. Dann wird es schwierig, da man dann natürlich bei seiner Familie sein will. Aber man kann sicherlich Kompromisse schaffen. Es ist mit Sicherheit kein Traumberuf für eine feste Beziehung.

Ihr habt bei zahlreichen Produktionen mitgewirkt, was waren eure Lieblingsstücke?
Anna: Ich fand meinen ersten Job im Musical „Cats“ wahnsinnig aufregend. Chicago werde ich wohl mein Leben lang spielen und wenn ich irgendwann zu alt bin, spiele ich „Mama Morton“. Cabaret liebe ich auch.

Jesper: Als ich frisch von der Musicalschule kam spielte ich den „Glöckner von Notre Dame“ in Berlin. Es war wahnsinnig aufregend und überwältigend. Meine Lieblingsrolle hatte ich in dem Musical „Miss Saigon“ als Chris. Ich hatte nie eine richtige Traumrolle, da man jede Rolle spannend gestalten kann.

Liebe Anna, lieber Jesper. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg!

vielen Dank für das Interview!

Interview: JMH-Reporterin De Pooter

Verwandte Artikel

ComedyTour Hamburg – Interview mit Cem Ali Gültekin »

„Junge Talente auf der Bühne“ – Stage School-Absolventen auf Kampnagel»

Stage School Hamburg / Interview mit Kim Moke »

Interview mit Hamburger Filmemacher Thorsten Wien »

Castingshows bis zum Gnadenschuss / Interview mit Rolf Bach »

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: