Eine Exiliranerin erzählt über ihre Gefühle…

Quelle:wikipedia - Iranische Flagge

Die Unruhen im Iran sind das große Thema in den Medien. Tote Märtyrer und blutige Gewaltbilder werden in die Welt projiziert, die das Gefühlsleben vieler Iraner aufwirbeln. Die Exiliraner sind hin und hergerissen zwischen zwei Welten: der iranischen Heimat und den fast unbeschränkten Freiheiten und Vorzügen des Westens. Besonders für Frauen ist das westliche Leben im Gegensatz zum Leben im Iran von krassen Gegensätzen gekennzeichnet. Das Leben der Frauen wird im Iran oft von straffen Regeln beherrscht, aber auch die Männer im Iran müssen meist mit einem Weniger an Freiheiten leben, als das in der europäischen Welt üblich ist. Das Leben vieler Iraner, wird dieser Tage durch die blutigen Bilder aus dem Fernsehen überschattet. Ein Reporter von jungeMedien Hamburg brachte das Interview in unsere Redaktion. Die Exiliranerin möchte ungenannt bleiben. Nach dem Durchlesen haben wir uns entschlossen, den Text zu veröffentlichen.

Wie geht es dir seit den Wahlen im Iran?

Seit Tagen versuche ich meinen Cousin in Teheran  per sms zu erreichen, er antwortet mir nicht! Bis ich durch die Medien erfuhr, dass das Mobilfunknetz still gelegt wurde. Auf der einen Seite hoffe ich, dass er in Sicherheit ist und dann hoffe ich, dass er auf der Straße ist und am weitesten Steine werfen kann!! Auf der einen Seite wünsche ich mir, dass er am lautesten „Nieder mit der islamischen Regierung“ schreit und auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass er wie der Wind um sein Leben rennt, wenn die Miliz wieder ihre Hetzjagd auf unbewaffnete Demonstranten und Demonstrantinnen macht.  Vor 30 Jahren haben unsere Eltern demonstriert, nun sind wir dran! Doch was können wir erreichen? Ich denke, dass ich für alle spreche, wenn ich sage, dass wir mit Plakaten und Demonstrationen die Welt nicht verändern können. Wollen wir das? Nein. Es geht hierbei um Solidarität und darum ein Zeichen zu setzen.

Iraner und Iranerinnen, die wir nie zuvor in unserem Leben gesehen haben, gehen für die Rechte unseres Herkunftslandes auf die Straßen, riskieren Kopf und Kragen und für diese unbekannten Iraner und Iranerinnen wollen wir aus der Ferne da sein. Wir wollen ihnen zeigen, dass wir zu ihnen halten, obwohl Meilen uns voneinander trennen. Wenn es der Wind nicht schafft unsere Schreie und Rufe während der Demonstrationen in Europa in den Iran zu tragen, so sollte es wenigstens Youtube schaffen. Wenn unsere sms’ den Iran nicht erreichen, so soll unser Wunsch, dass kein Student und keine Studentin auf den Straßen Irans stirbt oder einen Schlagstock zu spüren kriegt, in Erfüllung gehen.
Wird hier vergessen, dass die Studenten und Studentinnen die nächste Generation an Lehrer und Lehrerinnen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Irans sind? Wird vergessen, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholen darf, dass wir aus der Vergangenheit lernen sollen und, dass die Geschichte stets der beste Ratgeber sein sollte? Wird vergessen, dass jeder Mensch auf Erden das Recht auf Freiheit hat? Ja, es wird vergessen, aber nicht verdrängt und genau deshalb gehen Tag für Tag Millionen von Iraner und Iranerin, ob jung oder alt, ob Student oder Arbeiter, ob Hausfrau oder Studentin auf die Straßen und schreien nieder mit der islamischen Regierung.

Wie es mir nun geht? Ich kann nicht mehr ruhig schlafen, den die gewaltbereiten Videos aus dem Iran rauben mir den Schlaf. Ich kann mich nicht konzentrieren, denn ich habe das Gefühl der Ohnmacht. Ich kann nicht mehr lachen, da ich um Tote trauere und ich kann nicht aufhören zu weinen, denn ich denke an die Mütter, die ihre Kinder vermissen und um sie trauern. Aber dennoch schlägt mein Herz schnell und voller Stolz, dass wir es Tag für Tag es mehr und mehr geschafft haben, in der Welt dem Iran ein neues Gesicht zu verleihen. Wie es geschafft wurde? Der Schleier, der auf uns lag, wie die Nacht über dem Iran, wurde abgelegt, wir strahlen nicht nur mit unseren Augen unsere Lebensfreude und unseren Lebensmut, sondern brüllen hinaus was unser Herz begehrt- Freiheit!
Wie es mir geht, fragst Du mich?
Ich weine.

Wieso ist dir der Iran wichtig?
Früher war es mein Wunsch, dass meine Kinder im Iran zur Welt kommen sollen, damit sie so wie ich eine tiefe Verbundenheit zum Iran spüren können, aber jetzt… zum erstenmal ist mir die Gefahr in das Land zu reisen bewusst geworden. Ob ich vorher naiv war? Nein, das hat damit nichts zu tun. Ich habe vor zwei Tagen gesehen, wie ein Student auf der Straße geschlagen, getreten und vor aller Welt gedemütigt wurde. Ich hoffe, dass er vor lauter Schmerzen ohnmächtig geworden ist, denn als nächstes wurde sein Kopf mehrfach gegen eine Autotür geschleudert, wie ein Ball, den man gegen die Wand wirft. Ein anderer Student starb in den Armen von Fremden, die im Mundzumundbeatmung geben wollten, sie öffneten seinen Mund… sein letzter Atemzug war bereits, denn es kam nur Blut aus seinem Mund.

Diese Bilder von fremden Studenten verfolgen mich in meinem Alltag auf der Arbeit, in meinen schlaflosen Nächten sind sie es, die mich fesseln. In meinem Herzen bin ich bei fremden Müttern, die um ihre Kinder trauern. Wenn Eltern ihre Kinder zu Grabe tragen, ist dies ein Beweis, dass etwas grundsätzlich falsch läuft, vor allem dann, wenn sie für den Kampf um die Freiheit gestorben sind.  Als ich die Wahlergebnisse erfuhr, war es 6 Uhr morgens, ich saß auf dem Sofa meines Freundes und in diesem Moment ist in meinem Herzen etwas abgestorben. Du willst wissen was es war? Es waren meine Wünsche, die ich im Iran verwirklichen wollte, Träume und der Glaube an Gerechtigkeit.  Aber wie sagt man so schön, die Hoffnung stirbt zu Letzt, dieses Stücken ist mir geblieben, kein Präsidenten dieser Welt kann mir dies nehmen. Die Iraner, die ich im Fernsehen sehe, geben mir diese Hoffnung. Es sind zahlreiche Menschen, es sind Fremde, es sind die Helden meiner Zeit.  Ist es nicht interessant zu sehen, dass Fremde mir Hoffnung schenken?
Sind es überhaupt Fremde? Wir haben doch alle die selben Träume…

Im Iran zu leben war ebenfalls ein großer Wunsch… und jetzt… seit dem Samstag als ich mit halb offenen Augen die Ergebnisse gelesen habe, ist meine Welt stehen geblieben, ohne zu wissen, dass sich die Ereignisse im Iran in den folgenden Tagen überschlagen werden.  Das hört sich so unglaubwürdig an, aber durch diese verdammte Wahlmanipulation ist so viel Hoffnung verloren gegangen, so viele Träume geplatzt, wie z.B. dort eines Tages für eine gewisse Zeit leben zu können, meine Kinder dort zur Welt zu bringen, meine Familie endlich besser kennen zu lernen, zu wissen und zu spüren was bedeutet eine Großmutter im Leben zu haben…. bis Samstag hieß es noch „meine Kinder“ und jetzt heißt es „die Kinder meiner kinder- wenn überhaupt“.

Welche Rolle spielt der Iran für dich?
Lass es mich dir dies anhand einer kurzen Geschichte erklären. Seit über 20 Jahren lebe ich in Deutschland, war nur zweimal für insgesamt drei Monate im Iran… diese drei Monate sind im Vergleich zu den 20 Jahren so lang ein Wimpernschlag. Aber … vor zwei Jahren, direkt nach der Abgabe meiner Diplomarbeit, wurde ich operiert. Ich erwachte aus der Narkose und das Erste was ich meiner Mutter sagte war, dass sie mich in Shiraz bei meinem Onkel beerdigen soll. Es vergingen viele Wochen, da erzählte mir meine Mutter unter Tränen von meiner Bitte, an die ich mich bis heute nicht erinnern kann.

Ich lag sieben Tage im Krankenhaus, weil bei der Operation einen bösartigen Tumor festgestellt wurde, es war Krebs! Es war die schlimmste Woche meines Lebens und folglich plagte mich die Ungewissheit. Werde ich daran sterben, werde ich gesund, werde ich wie früher leben können? In dieser einen Woche fühlte ich mich dem Iran so nah. Die Eindrücke und Erfahrungen die ich den drei Monaten im Iran sammeln konnte, blühten in mir wie eine zarte Rose, in den Nächten lag ich in den Armen meiner Großmutter, die Tage verbrachte ich bei Hafiz und in den Gärten von Shiraz, die frischen Nächte verbrachte ich mit meinen Cousins im Auto und ärgerten die jungen Leute auf den Straßen, was mir sehr peinlich war. Diese sieben Tagen waren im Vergleich zu meinem bisherigen Leben so schnell wie ein Schmetterlingsschlag, aber dafür um so bedeutender.

Warum erzähl ich dir das? In der Zeit als ich dachte ich werde an Krebs sterben war ich in Gedanken im Iran, diese Gedanken schenkten mir Kraft und irgendwie das Gefühl  ein neues Leben in mir erwecken zu können. Aus all der Ferne schenkte mir meine Familie im Iran Kraft, aus der Ferne schenkte mir der Iran das Gefühl nicht aufzugeben. Warum? Weil ich mich meinem Geburtsland so eng verbunden fühle. „Ich will in den Iran“, das sagte ich mir immer wieder als ich auf meinem Krankenbett lag. Eine Woche später erfuhr ich, dass ich keinen Krebs mehr hatte. Ich lebe, seit dem trage ich den Iran viel intensiver in meinem Herzen.

Wer bist du?
Eine Fremde! So wie die Menschen in den Youtube-Videos.
Eine Träumerin, eine Deutsch-Iranerin.
Wer ich bin? Ein Teil der nächsten Generation an Lehrer und Lehrerinnen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die aus der Ferne für die Menschen im Iran demonstrieren geht.

Wieso tust du das?
Weil  es richtig ist, mein Herz hat es mir gesagt!
Ein weiterer Grund ergab sich für mich am letzten Mittwoch. Ich stand vor meinen Studenten und Studentinnen und gab ihnen die nächste Aufgabe für ihre Gruppenarbeit. Sie verdrehten ihre Augen, erarbeiteten dennoch die Aufgaben. Zwischen durch sprachen sie von der letzten Party, von den Cocktails, die sie getrunken haben und natürlich über irgendwelche Flirtgeschichten. Ich schaute sie an und im Nu waren die Gruppenarbeit das Gesprächsthema.

Ich hatte ihren verwirrenden Blick zur Kenntnis genommen, denn sie wissen genau, dass ich gleich schimpfe, wenn sie ihre Aufgaben nicht ernst nehmen, diesmal schwieg ich. Viel mehr habe ich sie beobachtet, wie freizügig einige von ihnen gekleidet waren, wie geschminkt einige waren und modern gekleidet waren. Normalerweise rege ich mich über so was auf, aber an diesem Tag schaute ich traurig aus dem Fenster, in der Hoffnung in Richtung Iran zu blicken, wo Studenten und Studentinnen für ihre Freiheit entscheiden zu können wie sie leben wollen demonstrieren, kämpfen, verprügelt werden und sterben.

(rdw)

Eine Antwort zu Eine Exiliranerin erzählt über ihre Gefühle…

  1. Sabrina sagt:

    Ich kenne diese geheimnisvolle Person, welche dieses ergreifende Interview gegeben hat… durch diesen Artikel fühle ich mich ihr nun noch viel mehr verbunden. Ich bewunderte diesen Menschen schon zuvor zutiefst, doch jetzt ist es noch ein ganzes Stück mehr geworden.

    Für mich als deutsche ist es oft schwer, einige Dinge nachzuvollziehen, doch durch diesen Menschen werden mir viele Dinge oft klarer!

    Ich danke Gott, dass ich diesen Menschen kennenlernen durfte! Der Artikel ist schier unglaublich, in meinen Augen und zeigt mir Ängste, Liebe und so viele Gefühle auf, dass ich mit Gänsehaut und Tränen in den Augen vor meinem Bildschirm sitze. Danke!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: