Experte warnt: Schweinegrippe-Erreger bald im Trinkwasser? – Interview mit Wilfried Soddemann


©Public – Schweinegrippe bald im Leitungswasser?


Wer nach der Schweinegrippe googelt, trifft nicht selten auf Beiträge und Kommentare von Wilfried Soddemann, in denen er vor der Verbreitung der Schweinegrippe durch Trinkwasserleitungen warnt. Am 12.05.09 veröffentlichte die NRhZ-Online unter dem Titel  „Schweinegrippe“  – durch Trinkwasser ausgelöst?“ ein Interview mit Soddemann. Auch in diversen Blogs und bei openPR wurde bereits  im April von Soddemann viel über Schweinegrippe aus der Wasserleitung  geschrieben. Dipl.-Ing. Wilfried Soddemann war Leiter des Staatlichen Umweltamtes Aachen, bevor er von seinem ehemaligen Arbeitgeber vorzeitig in den Ruhestand geschickt wurde. jungeMedien Hamburg interviewte ihn.

©Privatarchiv - Wilfried Soddemann

Herr Soddemann, Sie vertreten die Ansicht, dass gefährliche Viren auch über die Trinkwasserleitungen verbreitet werden können. Welche Viren wurden bisher im Trinkwasser nachgewiesen?

Zitat aus dem Erster Zwischenbericht des Programms „Reine Ruhr“ der Expertenkommission Programm „Reine Ruhr“, eingesetzt vom Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen:

„Strategie zur Verbesserung der Gewässer- und Trinkwasserqualität“ Düsseldorf, April 2009
„Die häufigsten und weitverbreitesten wasserübertragbaren Gesundheitsrisiken sind mikrobielle Kontaminationen, weswegen deren Kontrolle höchste Bedeutung zukommt. … Zu den wichtigsten neu erkannten wasserübertragbaren Krankheitserregern zählen nach WHO- Einteilung:

• Enterohämorrhagische E.coli ( EHEC )
• Campylobacter spp.
• Noroviren
• Enteroviren
• Adenoviren
• Hepatitisviren
• Cryptosporidien
• Giardia lamblia

sowie in Hausinstallationssystemen

• Legionellen und
• P. aeruginosa.

Zu allen genannten Erregern liegen z.T. aus Deutschland, aus anderen europäischen Ländern und Nordamerika gut dokumentierte Berichte über große wasserbedingte Ausbrüche vor.“

Und Sie glauben, dass Influenza oder Schweinegrippe über die Trinkwasserleitungen übertragen werden kann?

Humane Influenzaviren konnten in den Ausscheidungen von Säugetieren wie Schweinen (fäkal und oronasal), Wildscheinen (fäkal und oronasal), Rindern und Ziegen nachgewiesen werden, so dass grundsätzlich der Übertragungsweg aus der Umwelt über die Gewässer und das Trinkwasser möglich ist (BROWN 2004). Mit ziemlicher Sicherheit werden zukünftig noch weitere mit Influenza A infizierte Tierarten entdeckt (WEBSTER 1998).  Das Trinkwasser wird in Deutschland oft nicht oder nur grob gefiltert. Die sehr kleinen Viren werden dabei nicht sicher entfernt. Zur Grundwasseraufbereitung weit verbreitete Filtrationsanlagen zur Entfernung von Eisen- und Mangan besitzen hinsichtlich der Elimination von Viren keine Wirkung (WHO 2004), die von der WHO geforderten Eliminations- und Inaktivierungsleistungen (WHO 2004) werden nicht erreicht.

Die Kälte ist mit Abstand der wichtigste Parameter zur Konservierung virulenter Influenzaviren im Wasser. Das Temperaturminimum des Talsperrenwassers in Deutschland beträgt während der Monate Januar und Februar 3-4°C. Flusswasser hat sein Temperaturminimum ebenfalls im Januar und Februar eines jeden Jahres. Die Temperaturen der Trinkwasserleitungen und des in ihnen transportierten Trinkwassers gleichen sich den Erdbodentemperaturen an.  Kaltes, junges, frisch durch Influenzaviren kontaminiertes Trinkwasser, entnommen aus Oberflächengewässern und schlecht geschützten oberflächennahen Grundwässern sowie aus Karstgrundwasserleitern, kann das abiotische Vehikel sein, das im Winter virulente Influenzaviren bei 4-5°C konserviert und über die durchgängige „Kühlkette der öffentlichen Trinkwasserversorgung“ zu den Menschen transportiert.

Infektionen durch Trinkwasser werden nicht allein durch das Trinken des Wassers übertragen. Weitere Übertragungswege sind das Einatmen von Aerosolen und der Kontakt mit dem Trinkwasser. Eintrittspforten beim Menschen sind die Augenbindehaut, die Nasenschleimhaut, die Mundschleimhaut, die Ohrtrommelfellmembran, Wunden und durch Katheter berührte sonstige Schleimhäute und Gefäßendothelien. Die primäre Übertragung der Influenza durch die biotische Tröpfcheninfektion ist schon wegen der strengen Abhängigkeit von Umwelttemperaturen unwahrscheinlich. Die Influenza muss durch ein zur Ausbreitung von Infektionen mit zunehmender Kälte zunehmend effizientes abiotisches Vehikel übertragen werden. Trinkwasser ist ein solches abiotisches Vehikel, mit dem virulente humanpathogene Influenzaviren von den Reservoiren zum Menschen gelangen und überwiegend auf diesem Weg die saisonalen Influenza-Endemien auslösen. Das gilt auch für die neue H1N1 Schweinegrippe und in besonderem Maße auch für die lebensgefährliche H5N1 Vogelgrippe, deren fäkale Übertragung unstreitig ist.

Gibt es dazu vergleichbare historische Beispiele?

John Snow musste in London auch kämpfen, bis die Wissenschaft anerkannte, dass die Cholera nicht durch Tröpfchen sondern durch das Trinkwasser übertragen wird.

Wie waren die öffentlichen Reaktionen auf Ihre Thesen?

Bundesregierung und Bundesbehörden weisen meine Argumentation zurück. Gelegenheit, meine Präsentation insgesamt vorzutragen und zu diskutieren, habe ich bisher nicht erhalten. In NRW sieht es nicht besser aus. Allerdings konnte ich meinen Vortrag bei verschiedenen Veranstaltungen vortragen, zB bei dem letzten Kongress der GHUP-Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin am 03.10.2008 in Graz: http://www.ecomed-medizin.de/sj/ufp/Pdf/aId/10707 . Etliche Teilnehmende haben mich ermutigt und fanden meine Thesen sehr interessant.

Was müssen die Wasserwerke tun, um unser Trinkwasser frei von gefährlichen Viren und Bakterien zu halten?

Im Trinkwasser Deutschlands sind oft Fäkalien. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit warnt: „Grenzwertüberschreitungen bei Fäkalkeimen der Trinkwasserverordnung sind in 25%, im Sommer sogar in 33% der Trinkwasserproben. Im Grund- und Trinkwasser Bayerns werden regelmäßig Legionellen nachgewiesen.“ Anderswo in Deutschland wird das kaum anders sein. Das Umweltbundesamt UBA publizierte schon im März 2007, dass seit Inkrafttreten der neuen Trinkwasserverordnung über häufigere Grenzwertüberschreitungen bei coliformen Bakterien geklagt wird. Professor Dr. med. Martin Exner, Hygiene-Institut der Universität Bonn und Vorsitzender der Trinkwasserkommission von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, hat mehrfach Enterobacter cloacae im aufbereiteten Trinkwasser aus Talsperren gefunden.

Das Liefern von Trinkwasser mit Krankheitserregern ist ein Straftatbestand! Wasserwerke mit der üblichen veralteten Technik können Krankheitserreger nicht umfassend filtern oder abtöten. Trinkwasser enthält oft Bakterien, Parasiten und Viren. Deshalb muss das Trinkwasser mit der Ultrafiltration für rund einen halben Euro pro Person und Monat aufbereitet werden. Die gebräuchlichen Desinfektionsverfahren, deren Effizienz mit sinkender Wassertemperatur abnimmt [Chlorung und Ozonbehandlung] und die bei im Wasser verklumpten Mikroorganismen nur eingeschränkt wirksam sind [Chlorung, Ozonbehandlung und UV-Bestrahlung], können die von der WHO  geforderten Inaktivierungsleistungen (WHO 2004) nicht erreichen.

Gibt es regionale Unterschiede, was die Trinkwasserqualität angeht? Wir hier in Hamburg gehen bisher von einer sehr guten Trinkwasserqualität aus.

Es gibt große regionale Unterschiede, zB zwischen Hessen mit einem hohen Grundwasseranteil und Sachsen mit einem hohen Oberflächenwasseranteil. Aber auch das Grundwasser ist durch Viren belastet.

Aber gab es nicht auch schon Fälle von Uran und angeblichen Hormonbelastungen im Trinkwasser?

Ja, derartige Fälle sind in der jüngeren Vergangenheit öffentlich geworden und führen jetzt ja auch zu Maßnahmen bei der Wassergewinnung und der Trinkwasseraufbereitung. Öffentlicher Druck hilft immer.

Erst kürzlich gab es Untersuchungen, die auch eine erhöhte Hormonbelastung von Mineralwasser in Plastikflaschen nachwiesen. Was dürfen wir überhaut noch trinken?

Ich bin für reines Trinkwasser. Dann muss auch nicht das teure und schwere Mineralwasser durch die ganze Republik und darüber hinaus gekarrt werden. Ein höchst unökologischer Vorgang! Aber der hohe Flaschenwasserabsatz zeigt
das Misstrauen der Deutschen gegenüber ihrem Leitungswasser.

Flaschenwasser verkeimt beispielsweise ab Werk und ist deswegen mit Haltbarkeitsdatum versehen.

Es gibt Untersuchungen, die insbesondere in stillen Wässern Noroviren nachgewiesen haben. Eine Verkeimung des Wassers ist nur möglich, wenn im abgefüllten Flaschenwasser schon Keime enthalten sind.

Die WHO hat bereits vor einer zweiten Schweinegrippe-Welle gewarnt. Wann beginnt die nächste Influenzasaison?

Die nächste Influenzasaison 2009/2010 wird im nächsten Herbst/Winter beginnen, sobald das Trinkwasser unter 7°C abgekühlt sein wird: Siehe Abbildungen im Anhang.

Müssen wir aufpassen, dass wir in einer Welt voller Bakterien und Viren nicht hysterisch werden?

Hysterie ist kein guter Ratgeber. Beim Trinkwasser gibt es erprobte und im Betrieb robuste Lösungen ohne den Einsatz von Chemie. Es muss endlich gehandelt werden, wie an der Ruhr in NRW. Dort werden jetzt für 4 Mio. Menschen eine Reihe von Wasserwerken mit Ultrafiltrationsanlagen nachgerüstet, die Bakterien, Parasiten und Viren filtern können und denen Aktivkohlefilter gegen Schadstoffe nachgeschaltet sind oder noch werden. Dafür werden 150 Mio. Euro investiert, 120 Mio. Euro davon für Ultrafiltrationsanlagen. Vor den Kosten müssen wir jedoch nicht zurückschrecken. Das kostet einen halben bis einen Euro je Person und Monat. Kein Vergleich zu den Kosten von Flaschenwasser.

Vielen Dank für das Interview!

Interview:  jMH-Reporter Schulz

weitere Informationen:

www.whistleblower-net.de

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20 Antworten zu Experte warnt: Schweinegrippe-Erreger bald im Trinkwasser? – Interview mit Wilfried Soddemann

  1. Rülps sagt:

    Na dann mal Prost Mahlzeit!🙂 **Schlürf***Ahhhh***

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  16. Daniel sagt:

    Die Warnung in dem Bericht ist völlig aus der Luft gegriffen da die meisten Antigene bis sie ins Grundwasser geraten könnten längst abgetötet wurden. Temperaturen zwischen 25 und 50 Grad Celsius inaktivieren den Erreger schnell und ab 60 Grad Celsius kann es nicht mehr infizieren.
    In kaltem Wasser hält sich die Erreger länger, allerdings sinkt die Anzahl der Viren stetig, bis im Durchschnitt nach vier Stunden 95% Prozent zerstört sind. Hinzu kommt noch, dass die Viren im Wasser sehr stark verdünnt werden. So ist eine Viruslast bzw. eine Ansteckung mit dem H1N1 Virus im Trinkwasser quasi unmöglich und der Bericht Panikmache.

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