Afro-Deutsche Spielgruppe Berlin: Kinder zwischen Schwarz und Weiß – Interview mit Ulrike Düregger


© Amelie-Sierah und Kalsoumy (rechts) aus der Afro-Deutschen Spielgruppe in Berlin

Ulrike Düregger ist 1972 in Österreich geboren und lebt heute in Berlin. Sie ist hauptberuflich Schauspielerin und Sängerin und arbeitet auch viel im Ausland. Seit 4 Jahren betreibt sie in Berlin eine Spielgruppe für „afro-deutsche“ Kinder, wie sie es nennt. Die Kinder sind in der Mehrzahl aus bikulturellen Familien, d.h. sie haben einen schwarzen und einen weißen Elternteil. Im Interview mit jungeMedien Hamburg erklärt Frau Düregger, was für eine Herausforderung eine solche Spielgruppe ist, worauf sie heute besonders stolz ist und was sie sich für die Zukunft dieser Kinder wünscht.

Fotostrecke: Afro-Deutsche Spielgruppe Berlin: Kinder zwischen Schwarz und Weiß

Ulrike Düregger mit mit Tochter Kalsoumy (rechts), und Raissa

Es kommt nicht selten vor, dass ein afro-deutsches Kind in Berlin alleine in der Kita-Gruppe oder Klasse ist. In den letzten drei Jahren konnte man in der Spielgruppe beobachten, dass es den braunen Kindern, wie sie sich selbst oft gerne bezeichnen, gut tut, wenn sie zur Abwechslung einmal in eine große Gruppe von vielen braunen Kindern eintauchen können. Sie blicken in ein Gesicht und scheinen sich zu freuen, weil sie jemanden sehen, der ähnlich aussieht wie sie. Für manche Kinder ist dies eine ganz neue und wichtige Erfahrung.

Quelle: Afro-Deutsche Spielgruppe Berlin

Frau Düregger, seit 4 Jahren betreiben Sie eine Kindergruppe in Berlin für Kinder aus bikulturellen Beziehungen mit deutsch-afrikanischem Hintergrund.  Was hat Sie zu diesem Schritt veranlasst?

„Mama, ich will nicht mehr braun sein“, war der Satz meiner damals dreijährigen Tochter, als ich sie von einer Probestunde abholte. Das hat mich entsetzt und sehr traurig gemacht. Da wusste ich, ich muss etwas tun. Was sie ausgedrückt hat, war das Problem der Vereinzelung, obwohl wir eigentlich viel in der Community, sprich in afrikanischen Vereinen und Initiativen, unterwegs waren. Aber ich hatte den Eindruck, afro-deutsche Kinder brauchen auch mal ganz viele andere „braune“ Kinder,  – wie sie sich selbst gern bezeichnen- um sich herum. Wie ein Pool, in den sie mal eintauchen können. Und das ist das Hauptanliegen der Afro-Deutschen Spielgruppe: Die Kinder zu stärken, und natürlich auch die Eltern.

Wie genau sieht Ihre Arbeit mit diesen Kindern aus?

Es hat sich in den vier Jahren enorm entwickelt. Am Anfang war es einfach miteinander spielen, tanzen, quatschen. Mittlerweile haben wir immer einen Begrüßungskreis, in dem sich alle ganz locker vorstellen, das Land, aus dem die Eltern kommen und die Vornamen. Wichtig ist, dass die Eltern da auch aktiv mitmachen und nicht nur daneben sitzen. In der Begrüßungsrunde wird die Vielfalt der Lebensrealität der Kinder bzw. Familien sichtbar. Wichtig ist auch die Gleichwertigkeit von Afrika bzw. Amerika und Europa, das sich anhand der Länder oder Vornamen zeigt wie zB Mutter Sieglinde und Vater  Klaus-Dieter oder Papa Dembo und Mutter Fatoumata.

Dies betrifft auch die Vornamen der Kinder, die nicht mehr als „exotisch“ betrachtet, sondern mit Achtung und Respekt gegenseitig mitgeteilt werden. Seit einem knappen Jahr gibt es zusätzlich auch eine Hauptaktivität wie zB ein senegalesischer Griot, der Märchen erzählt, einen Kinderfilm, ein Länderkunde-Vortrag zu einem afrikanischem Land, der aber nicht trocken, sondern kindgerecht gestaltet wird, gemeinsames Kochen u.v.m.

Ist das Angebot gut angenommen worden?

Absolut positiv. Die Familien sind begeistert, dass sie endlich einen monatlichen Treffpunkt gefunden haben. Wichtig ist auch, dass wir im Ostteil Berlins präsent sind. Es gibt zwar ähnliche Angebote im Westteil der Stadt, aber nicht in dieser Kontinuität. Es ist ein lebendiger, positiver Treffpunkt, der sich stark durch die Bedürfnisse und Wünsche der Teilnehmer entwickelt hat. Es sind Freundschaften und bald  auch noch andere Projekte daraus entstanden. Die Kinder, die regelmäßig kommen, machen einen sehr fitten Eindruck. Was will man mehr?

Wo setzen Sie die Schwerpunkte bei Ihrer Arbeit mit den Kindern?

Ich leite diese Gruppe ja sozusagen „nach bestem Wissen und Gewissen“ und bin keineswegs vom Fach, also keine Pädagogin oder so. Aber ich beobachte die Kinder bzw. Familien und ihre sowie meine Bedürfnisse und will mit viel Liebe, Geduld und Aufmerksamkeit begleiten und Aktivitäten ermöglichen, damit wir stark sind. Dieser Ort, die Spielgruppe, soll, wenn wir irgendwann zurückdenken, wie ein sicherer Hafen sein, der den Rücken gestärkt hat, der zu 100% angenommen und nicht ständig hinterfragt oder stigmatisiert hat.

Mein Hauptziel ist also neben allen Aktivitäten, dass eine sehr positive Stimmung und ein guter Umgang miteinander herrscht. Das sehe ich als Basis für eine gute Entwicklung der Kinder für später, und im Grunde als Basis für jede Erziehung. Kinder brauchen viel positiven Input.

Was macht die Identitätsbildung gerade bei diesen Kindern so schwierig?

Es sind die zwei, drei Kulturen, die sie von ihren Eltern haben. Bei Unaufmerksamkeit, was zum größten Teil bei der Bevölkerung, die e s nicht betrifft, da ist, können sich gut gemeinte Fragen in psychische Gewalt verkehren. Das leidige „Wo kommst Du her“ und selbst, wenn die Kinder sagen, „Na, aus Deutschland!“, dann folgt „Ja, aber …“ beschreiben viele afro-deutsche Kinder als sehr nervig und auch schmerzlich. Das ständige sich Erklären und Rechtfertigen müssen kann vermitteln, dass man hier nicht hingehört.

Mir ist es daher wichtig, dass die Kinder auf diese Fragen vorbereitet sind, aber auch wissen, sie müssen sich nicht auf diese Diskussion einlassen. Es ist nicht ihr Problem, es ist das Problem der Ignoranten oder Unbelehrbaren. In der Gruppe wird natürlich auch ganz stark ein Wir-Gefühl und „ja, ich bin Teil dieser Gesellschaft“ gelebt. Im besten Fall wissen die Kinder, woher sie kommen und sind dann frei in der Entscheidung, wohin sie gehen.

Sie haben beschrieben, wie schwierig es für diese Kinder ist, zwischen zwei Welten aufzuwachsen. Die Kinder fühlen sich weder schwarz noch weiß. Wie bezeichnen sich die Kinder Ihrer Spielgruppe selber?

Es ist nicht grundsätzlich schwierig, es hängt sehr stark vom Charakter der einzelnen Kinder ab. Manche sind überaus selbstbewusst, andere sehr schüchtern. Ich bin auch immer für ein „Und“. Also sie sind schwarz „ und“ weiß, genau das zeichnet sie aus. Sie bezeichnen sich selbst oft als braun. Ich bin zwar schon dafür kritisiert worden, dass ich diesen Begriff teilweise auf der Website übernommen habe, aber ich sehe es so: Unsere Kinder leben wie keine anderen von fremden Zuschreibungen durch uns Erwachsene. Sie sind schwarz, sie sind Afro-Deutsche, sie sind bikulturell, das ist intellektuelle Erwachsenensprache. Ich finde, die Kinder haben das Recht, sich selbst als braun zu bezeichnen.

Welche positiven Entwicklungen haben Sie bisher innerhalb Ihrer Kindergruppenarbeit an den Kindern feststellen können?

Sie fordern Aktivitäten ein, die sie brauchen, um in ihrer Identität gestärkt zu werden. Ich finde das schon ein gutes Zeichen. Sie wissen, sie sind anders und haben kein Problem damit, im Gegenteil, sie wollen Förderung. Wie ein sportlich talentiertes Kind, das Fussballtraining einfordert. Sie wollen etwas über afrikanische Länder wissen, was sie in der Schule nicht lernen, sie finden Spendenplakate mit braunen Kindern doof und artikulieren das, sie wehren sich, wenn die Grundschullehrerin sagt: “Nehmt den hautfarbenen Stift“, den rosa Stift zu nehmen, sondern nehmen natürlich den braunen. Kleine Erfolge, die den Unterschied machen und die Umgebung zum Nachdenken anregt.

Seit ca. einem halben Jahr werden Sie auch von verschiedenen Stiftungen unterstützt.

Die Spielgruppe sollte immer auch ohne großes Budget laufen können und das tut sie auch. Aber um afrikanische und europäische Referentinnen bezahlen zu können, um selbst nicht das Gefühl von Ausbeutung bei diesem Engagement zu haben, um Bücher, pädagogisches Material, Raummiete etc. bezahlen zu können, haben wir Förderanträge gestellt. Es hat geklappt, wir sind happy darüber.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Kinderbücher mit einer braunen Heldin oder einem braunen Helden, überhaupt Medien, die den Lebensalltag der schwarzen, braunen und auch deutsch-türkischen oder deutsch-arabischen Kinder adäquat und nicht in folkloristischen Busch-Elefanten-Wüsten-Märchen widerspiegeln. Ich wünschte, dass die Behelfsbegriffe wie schwarz, weiß, Migrationshintergrund etc. weggelassen werden könnten, aber das wird wohl noch dauern.

Ich wünsche mir einen schwarzen Polizisten, Bankangestellten oder Busfahrer in Berlin, eine schwarze Supermarkt-Filialleiterin usw., wie etwa in London oder Paris, also mehr Vorbilder im Alltag.
Ich wünsche mir härtere Strafen und größere Politik- und Medien-Empörungen für rassistische Übergriffe. Ich wünsche mir aber auch Versöhnung zwischen den schwarzen und weißen Lagern.

Interview: JMH-Reporter Schulz

Info: Die Spielgruppe trifft sich jeden ersten Sonntag im Monat.

weitere Informationen:

www.afro-deutsche-spielgruppe-berlin.de

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8 Responses to Afro-Deutsche Spielgruppe Berlin: Kinder zwischen Schwarz und Weiß – Interview mit Ulrike Düregger

  1. Silke Schuster sagt:

    total süß! meine freundin hat auch zwei mischlinkskinder, grad die haben es besonedrs schwer.

  2. Karola Seye sagt:

    Ich finde das Engagement von Frau Düregger sehr gut! Ich war auch vor ca. 2 Jahren mit meiner Tochter in der Gruppe und werde unbedingt mal wieder hingehen…

  3. gabby thiede sagt:

    Ich möchte der Hauptaussage dieses Interviews uneingeschränkt zustimmen: der Austausch in einer solchen Gruppe fördert ein starkes Selbstbewusstsein aller Beteiligten. Das Braun-Begriffsverständnis meines 11-jährigen Sohnes hat sich mittlerweile so weit entwickelt, dass er mir als weißer Mutter „Ruhig, Brauner!“ entgegen halten kann, was mich nach dem ersten Mal Lachen mittlerweile nur noch mehr auf die Palme bringt. 😉

  4. bauer sagt:

    hallo
    wir sitzen hier im unterricht 😀 und finden dei heutigen nachrichten TOTAL! spannend 😀 !

    viel spass noch den lesern dieser seite 😀
    ps: ich habe auch icq irc und jknuddels und so´n scheizz 😀 !

  5. monica Nambelela sagt:

    Super Frau Dürreger ! Ich bin die Monica Nambelela komme aus Namibia dem deutschesten Land Afrikas. Ich bin Afrikanerin und mein Lebensgefährter kommt aus dem Kongo. Da ich jeddoch meine Kindheit in der ehemalige DDR verbracht habe habe ich meinem Kind deutsch beigebracht und habe sie Multikultural erzogen. Wie Sie wissen hat Namibia eine schlimme Apartheid Geschichte hinter sich deswegen wollte ich diese Mauern ab schaffen. Meine kleine Shakira kam auf jedenfall auch mit drei heulend nach Hause und verlangte dass ich Farbe kaufen sollte und sie weiss machen sollte weil KInder sich weigern mit ihr zu spielen weil sie schwarz sei. Ich weiss nicht wie ich auf eine Geschichte gekommen bin . Die Natur hat war den Augenblick meine INspirationsquelle ich erzaehlt ihr von einem Zebrafohlen das genau so aus sehen muss entweder wie die Mutter Tante oder der VAter damit die Zebrafamilie am besten das junge Fohlen retten kann weil der Loewe schon mit Hunger und Lust auf seine naechste Mahlzeit wartet Shakir a muss deshalb auch so aus sehen wie die Menschen die ihr leben riskieren wuerden damit sie ihr’s retten koennen. Diese Geschichte hat mega geholfen und sie hat nie wieder an ihre Hautfarbe gezweifelt und mit ihr lese ich sehr viel Literatur aus der alte Zeiten damit sie mit der Vergangenheit besser umgehen lernt und ich sage ihr dass die Zukunft dieses Landes in das Miteinander statt Nebeneinander und das Gegeneinander. Meine Tochter Shakira-Beatrice ist nun 7 geht zur Schule macht deutsch als Muttersprache hat viele gute Freunde und wir blicken alle mit sehr viel Hoffnung in die Zukunft. Faber

  6. Sir Toby sagt:

    Ich finde diese Idee absolut toll! Daher nur eine Frage: Gibt es solche Gruppen auch schon für weiße und deutsche Kinder? Denn ich finde es sehr wichtig, daß weiße und deutsche Kinder in ihrem Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein gestärkt werden – besonders, da sie ja absehbar in naher Zukunft eine Minderheit sein werden … bzw. es ja an vielen Orten auch schon sind. Die Fragen ihrer mehrheitlich nichtweißen Umgebung „Wo kommst du her?“ empfinden viele weiße, deutsche Kinder übrigens als sehr nervig und schmerzlich… – deshalb würde ich sehr gerne auch Spielegruppen für weiße, deutsche Kinder sehen – in denen auch weiße, deutsche Eltern nicht nur willkommen sind, sondern auch mal ‚unter sich‘ sein dürfen … was ja in dem Gebiet, das heute als Deutschland bezeichnet wird, zunehmend schwieriger wird.

  7. jh sagt:

    Gute idee diese gruppe sir toby du willst provozieren deutsche kinder haben es viel leichter selbst wenn alle anderen kinder von migranten sind

  8. Hans Richter sagt:

    Lieber jh, leider bestätigen meine Erfahrungen Sir Toby’s Kommentar während deine Idee, dass „deutsche Kinder“ (die im Text genannten Mischlinge sind doch auch deutsch, oder nicht?) in Migrantengruppen es „viel leichter“ hätten, pure Fantasie ist.
    Ich bin in meiner Kindheit (1980er) von den türkischen Kindern die die deutliche Mehrheit stellten, aus dem Fußballverein gemobbt worden. Leider bin ich in einem kleinen Dorf aufgewachsen und der nächste Verein war unerreichbar für mich.
    Wenn man heute Berichte liest, wie verzweifelt Eltern nach einer vernünftigen Schule für ihre Kinder suchen, müssten sich jedem die Augen über unsere Gesellschaft öffnen. Auch Migranten, die sich eine positive Zukunft für ihre Kinder wünschen, wollen nicht, dass ihre Kinder in Klassen mit überwiegend Migranten gehen. In Frankfurt hat ein türkisches Elternpaar wegen der Klassenzusammensetzung geklagt. Da aber heute schon mehrheitlich „Kinder mit Migrationshintergrund“ eingeschult werden, ist es kaum möglich, Klassen mit mehrheitlich Muttersprachlern aufzustellen.

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