Mixed Martial Arts ( MMA ) – ein Novum in den Kampfkünsten? Teil2

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©behind-media – Gemischte Kampfkünste / Edward William Barton-Wright ca. 1899

Die heutigen Vertreter traditioneller Kampfkünste lehnen es oft ab, neue Einflüsse in ihren Stil aufzunehmen. Das vermeintlich exakte Imitieren einer fest überlieferten Vorlage steht beim Training oft im Vordergrund. Die Techniken werden dogmatisch ausgeführt und lassen im Unterricht keine Variationen zu. Innovative oder fremdbeeinflusste Schüler fallen bei diesem Unterrichtsstil oft in Ungnade.

Mixed Martial Arts – Die Verbindung verschiedener Kampfkünste
Aber sind das wirklich so neue Einsichten in den Kampfkünsten? Begeisterte Kampfkünstler die mehr als einen Stil gelernt hatten, wollten schon immer diese Künste für sich miteinander verbinden.

Dabei haben sie dann meist einen neuen Stil geschaffen. Der chinesische Liuhebafa Stil enthält zum Beispiel Elemente aus allen drei der bekanntesten sogenannten inneren Kampfkünste Taiji, Hsing- I und Bagua. Liuhebafa ist auch unter dem Namen Wasserboxen bekannt. Der Legende nach wurde es von dem daoistischem Weisen Chen Tuan von den Hua Bergen in der Song Dynastie (960- 1279) entwickelt und gehört mittlerweile zu den traditionellen chinesischen Kampfkünsten. Ein anderer Weg der Aufnahme von Elementen aus anderen Kampfkünsten ist durch die Erfahrung aus Konflikten. Wenn man sich die koreanischen Kampfkünste ansieht, fällt einem auf, dass durch die kriegerischen Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn immer wieder chinesische und japanische Kampfkünste die koreanischen Stile beeinflusst haben.

Selbst im Okinawa Karate findet man sowohl chinesische als auch japanische Einflüsse. Das selbe Phänomen findet man auf den Philippinen, wo Techniken von den portugiesischen Usurpatoren übernommen wurden, und Techniken zum Umgehen ihrer Rüstung entwickelt wurden. Auch war Bruce Lee nicht der erste, der westliche und asiatische Kampfkünste miteinander verbunden hatte. Schon am Ende des 19. – Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte auf diese Weise ein britischer Ingenieur seinen eigenen Stil Bartitsu. Edward William Barton-Wright arbeitete am Bau der Eisenbahn in Japan und lernte dort mehrere japanische Stile. Wieder in England verband er die japanischen Stile des Shinden Fudo Ryu, Tenjin Shin’yō-ryū, Fusen Ryu, Daito Ryu, das klassische Jiu Jitsu und das Kodokan Judo mit westlichen Kampfkünsten wie dem britische Boxen, schweizerischen Schwingen, französischem Savate und den defensiven Stockkampf , La Canne, des schweizerischen Professors Pierre Vigny miteinander.

Sogar Sir Arthur Conan Doyle ließ seinen Romanhelden Sherlock Holmes in seiner Detektivgeschichte „Das leere Haus“ den Fängen des Professor Moriarty mit Hilfe des Bartitsu entkommen. Und Edward William Barton-Wright organisierte sogar schon MMA Kämpfe bei denen Vertreter diverser Kampfsportarten (Stand- und Bodenkampf) gegeneinander antraten. Bevor Bruce Lee 1959 in die USA auswanderte und dort erst das Jun Fa lehrte, aus dem sich später 1965 das Jeet Kuen Do entwickelte, entstand bereits schon 1947 auf Oahu, Hawaii, eine sogenannter Hybrid Martial Art Stil, Kajukenbo. Im Kajukenbo wurden Elemente aus dem Karate, Judo, Jiu Jitsu, Kenpo, Kung Fu und Boxen zu einem effektiven Selbstverteidigungssystem kombiniert. Der Stil ist darauf ausgelegt gewesen den Gegner (z.B. betrunkene amerikanische Matrosen oder kriminelle Banden) schnell zu Boden zu bringen und ihm durch das Durchziehen von Hebeln die Knochen zu brechen. Da beim Straßenkampf mit multiplen Gegnern gerechnet wurde, hat man die Sequenz am Boden sehr kurz gehalten, um auf weitere Gegner schneller reagieren zu können. 1968 entwickelte Sigung Al Dacascos – ein Schüler von Professor Adriano Emperado, einem der Mitbegründer des Kajukenbo -, das Kajukenbo-System in Oakland, Kalifornien weiter zum „Wun Hop Kuen Do“. „Wun Hop Kuen Do“ (die Kunst des Kombinierten Faust Kampf Stils) ist heutzutage in Hamburg ein sehr populäres Leicht- und Semikontakt Wettkampfsportsystem. Es werden auch traditionelle Formelemente, Straßenkampf und Stockkampf unterrichtet. In den oberen Gurtklassen wird auch im Vollkontakt gekämpft.

Das Pankration – gemischte Kampfkünste bereits bei den Griechen
Die Verbindung von Standkampf und Bodenkampf bei Wettkämpfen ist auch keine neue Erfindung der Moderne, sondern eine Wiederentdeckung des Pankration. Das Pankration verband schon in der griechischen Antike das Boxen und Ringen zu einem Wettkampfsport. 648 v. Chr. wurde Pankration in der Olympiade eingeführt.

Manche Kampfkunst-
historiker vermuten, dass Pankration sogar durch die Feldzüge Alexander des Großen in Indien die asiatischen Kampfkünste mit beeinflusst hat. Das Pankration war auch bei den schaulustigen Römern sehr populär. Kommen wir wieder von dem Vermischen von Techniken aus diversen Kampfkünsten zurück zu Bruce Lees letztendlicher Erkenntnis: keinen Weg als den Weg zu benutzen und flexibel wie Wasser zu sein. Auch diese Einsicht hatten schon andere Kampfkunstmeister vor ihm.

So zum Beispiel der legendere Toshitsugu Takamatsu (1887- 1972), welcher im zweiten Weltkrieg auf dem asiatischen Festland (Kora, China und der Mongolei) den Beinamen „Mongolischer Tiger“ (jap. Moko no Tora) bekam. Später unterwies er Masaaki Hatsumi, den Begründer des Bujinkan, in den neun Schulen (jap. Ryu). Das Bujinkan ist eine Sammlung aus Samurai- und Ninja Ryu. Heutzutage werden die neun Schulen auch oft nicht mehr einzeln unterrichtet. Nachdem der Schüler das Repertoire an Basistechniken erlernt hat, wird er dazu angehalten eine unendliche Vielzahl an Variationen zu entdecken, um letztendlich die Techniken abzulegen und den freien Fluss der Bewegung zu erfahren. Dies hatten schon die krähenköpfigen japanischen Fabelwesen (jap. Tengu ) über die Meisterschaft in der Kampfkunst gelehrt, in der fiktiven Geschichte „Tengu Geijutsuron“ des Samurai Issai Chozanshi (1659- 1741).

Die ambivalenten Tengu werden oft in den Legenden verschiedener Ryu als Lehrer des Begründers der jeweiligen Schule angegeben. Sie werden auch immer wieder in Verbindung mit den buddhistischen Bergasketen Yamabushi und Ninja gebracht.
Wenn man sich die neun Schulen des Bujinkan ansieht findet man auch das Shinden Fudo Ryu darunter, welches auch mit ins Bartitsu einfloss. Das interessante hierbei ist, dass im Shinden Fudo Ryu das Kämpfen aus der natürlichen Bewegung gelehrt wird. Dann überrascht es auch nicht, dass viele Vertreter des Bujinkan wie Doron Navon sich mit der Bewegungslehre – Feldenkrais-Methode des Judoka Moshé Feldenkrais (1904 – 1984) – beschäftigt hatten. Bei der Feldenkrais-Methode versucht der Praktizierende durch die Wahrnehmung seiner Bewegungsabläufe seine Bewusstheit für diese zu verfeinern. Deshalb ist sie nicht nur bei Kampfkünstlern sondern auch bei anderen Sportlern und Musikern beliebt. Darüber hinaus hat sie auch noch einen therapeutischen Effekt.

Gemischte Kampfkünste oder klassische Stile?
Sind damit die Vertreter der älteren Kampfkünste, was die Entwicklung zur Meisterschaft angeht, den heutigen MMA Kämpfern um einen Schritt voraus? In der Dokumentation „Potent“ bestätigen viele Veteranen des MMA im Interview das Gegenteil. So sagen zum Beispiel Bas Rutten und Mario Sperry, dass sie nicht nur einen Weg einschlagen um eine Technik auszuführen, sondern im Sparring eine Vielzahl möglicher Variationen immer wieder erforschen. Das Grappling- Sparring stellt sowieso einen permanenten Bewegungsfluss dar, bei dem selten Techniken wie im Handbuch ausgeführt werden können. Hier wird eine geistige und körperliche Flexibilität an den Athleten gestellt. Um ihre Fähigkeiten und Beweglichkeit im Sparring zu verbessern, trainieren viele MMA- Profi- Kämpfer neben ihrem Kampfsport auch noch verschiedene Körpertranigsmethoden wie Pilates, Yoga oder Ginástica Natural.

In einem Punkt sind sich MMA- Kämpfer sowie Vertreter traditioneller Stile sogar einig: „Bevor man viele Techniken oder viele Variationen lernt, sollte man die Basistechniken perfekt beherrschen.“ Deshalb trainieren professionelle MMA- Kämpfer auch nicht das komplette Repertoire des Sports, sondern spezialisieren sich auf bestimmte Techniken. Dieses persönliche Repertoire wird dann im Laufe der Karriere meist immer weiter ausgebaut und erweitert.

(sej)

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