Vom Berliner Ghetto zum Jugendtrainer und Türsteher auf der Reeperbahn – Interview mit Ismail Cetinkaya

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©JungeMedien Hamburg/S.Jablonski

Ismail Cetinkaya ist Deutschtürke und wurde vor 26 Jahren in Hamburg geboren. Seine Mutter stammt ursprünglich aus Izmir in der Türkei und sein Vater aus Mardin. Als Kind hat er 12 Jahre in der Türkei gelebt, bevor er wieder nach Deutschland gekommen ist. In Deutschland wuchs er zuerst in Berlin-Kreuzberg / Neukölln und Wedding auf. Viel später verschlug es ihn nach Hamburg, wo er ein Jahr im Stadtteil St. Georg wohnte. Ismail spricht türkisch, arabisch und deutsch. In Hamburg ist er Trainer für Mixed Martial Arts im Gym Kwan, einer der renommiertesten Kampfsportschulen Hamburgs. Nebenbei macht er eine Ausbildung zum Personenschützer und ist regelmäßig Türsteher auf der Hamburger Reeperbahn.

Im Interview mit JungeMedien Hamburg spricht er über sein Leben als Deutschtürke, die zunehmende Jugendgewalt auf deutschen Straßen und gibt Einblicke in die Türsteherszene.

Ismail, als Kind hast Du 12 Jahre in der Türkei gelebt. Wie war es für Dich, plötzlich wieder nach Deutschland zu kommen?

Ich bin ursprünglich in Hamburg geboren. Danach habe ich dann 12 Jahre in der Türkei gelebt. Von meinem zweiten bis zum vierzehnten Lebensjahr bin ich mit einem Elternteil in der Türkei aufgewachsen. Deswegen kann ich beide Kulturen sehr gut verstehen. Ich kann auch die Leute verstehen, die in der Türkei gelebt haben und dann plötzlich sehen, wie man hier in Deutschland lebt. Die haben dann noch nicht so viel wissen von dem Leben hier, weil sie frisch sind. Für diese Leute ist Deutschland oft erstmal kulturelles Neuland.

Wenn du die Türkei betrachtest, dann ist das Leben dort viel härter als hier. Du kommst plötzlich als Kind, das noch nie in warmen Wasser geduscht hat, und siehst plötzlich die Menschen hier, die jeden Tag mit warmen Wasser duschen und schönes Essen auf dem Tisch haben. Es kommt natürlich darauf an, aus welchem Teil der Türkei du kommst – nicht überall in der Türkei herrscht Armut. Leute von hier, die nie die Türkei gesehen haben, sind oftmals ganz anders und haben eine ganz andere Kultur und Sicht zur Welt.
Insofern habe ich beides: Ich verstehe die, die nur hier gelebt haben und jene, welche gerade nach Deutschland gekommen sind.

Eine Zeit lang hast Du in Hamburg St. Georg gewohnt. Welche Eindrücke hast Du von dort mitgenommen?

Ich bin jemand, der gerne nachts spazieren geht. Und da waren die ersten Eindrücke des Elends dort ziemlich erschreckend für mich. Nach einer bestimmten Zeit waren mir die Leute dort jedoch sehr vertraut, ich hab sie ja jeden Tag gesehen. Ich wusste, wer wo zu welcher Uhrzeit steht, wer wo seine Drogen kauft und habe mit den Leuten auf der Straße Gespräche geführt. Und dann habe ich festgestellt, das sind auch nur Menschen.

Ursprünglich bin ich übrigens aus Berlin-Kreuzberg / Neukölln. Die schlimmsten Gegenden die ich erlebt habe, waren Wedding, Kreuzberg und Neukölln. Das war vergleichbar mit dem, was ich auf der Reeperbahn und St. Georg gesehen habe. Das sind ziemlich harte Gegenden, vor allem nachts. Wenn du dort auf der Straße keine „Macht“ oder keine Ausstrahlung hast, wirst du schnell runter geworfen.

Du hast eine Waffenbesitzkarte und machst momentan eine Ausbildung zum Personenschützer. Welche Hürden und Ausbildungen musstest Du dafür durchlaufen?

Seit einem Jahr bin ich Trainer für Mixed Martial Arts im Gym Kwan. Meine Ausbildung zum Personenschützer dauert noch neun Monate. Die Hürden für die Waffenbesitzkarte waren ziemlich hoch. Besondere Schwierigkeiten machten mir die komplizierten Gesetzestexte des StGB über die verschiedenen Tatbestandsmerkmale usw. Aber ich habe mir gedacht, warum sollen wir als Südländer taub, stumm und blind sein? Wir müssen das auch schaffen! Also hab ich mir in den Kopf gesetzt, es zu schaffen – und ich hab’s geschafft!

Da muss man ja auch ein komplett sauberes Führungszeugnis für haben, was für viele Jungs von der Straße auch nicht ganz einfach ist. Vor allem wenn man aus Kreuzberg oder Wedding kommt…

Es ist zwar komisch, aber wahr. Ich weiß zwar selber nicht, wie das genau zustande gekommen ist – aber mein Führungszeugnis ist sauber geblieben. Ich musste mich leider oft prügeln, ob es in Discos war, auf der Straße, oder während ich nachts joggen war. Aber meistens wollte ich es nie, es war ungewollt. Ich hab auch nie den „King“ gespielt und bin danach noch groß da stehen geblieben. Meine Strategie war, die Sache zu Ende zu bringen und danach abzuhauen. Ich weiß genau, was ich kann, und habe beim Training schon genug Verletzungen. Ich muss mich nicht auch noch auf der Straße beweisen.

Beim Gym Kwan bist Du auch FFA-Lizenz Trainer für Mixed Martial Arts ( MMA ). Welchen Weg musstest du dafür gehen?

Ich musste über ein Jahr lang sechs verschiedene Lehrgänge machen. Vier in Berlin und zwei davon in Köln. Einer der Lehrgänge war beim Technischen Direktor und Full Instructor der FFA ( Free Fight Association ), Frank Burczynski, der auch mein Lehrer in Berlin war. Frank Burczynski und Andreas Stockmann haben FFA in Deutschland gegründet und sind in der Free Fight-Szene die bekanntesten in Deutschland und auch in Europa sehr bekannt.

Bei den Lehrgängen werden Techniken geschult, aber auch Medizin und Erste Hilfe, um Leute bei Verletzungen zu verarzten: Wiederbelebung, Blutungen stoppen; Vorgehen bei Rippenbruch, Bänderriss, Ohnmacht, und Augenverletzungen. Wenn man das weiß, ist man viel lockerer und kann mit den Situationen besser umgehen. Vor kurzem hatte ich jemanden, der beim Training durch einen Tritt die Rippe gebrochen hatte. Der musste sofort ins Krankenhaus transportiert werden. Durch die Absolvierung der Lehrgänge bin ich A-Lizenz Trainer und Free Fight Instructor. Die Ausbildung zum Free Fight Schiedsrichter musste ich extra machen.

Auf der Reeperbahn arbeitest Du auch als Türsteher. Vor kurzem herrschte in Leipzig ein blutiger Krieg in der Türsteherszene, der auch zivile Opfer gefordert hat. Ist der Job lebensgefährlich?

Ja klar, ( lacht ) der Job ist ziemlich lebensgefährlich. Das Ding ist, irgendwas zieht dich da hin. Ob das Instinkt ist, oder weil du denkst, dass das Dein Schicksal ist. Ich geh da nicht hin, um irgend jemanden zu verletzen. Nach dem Training geh ich oft erstmal nach Hause. Jedes mal wenn ich zu Hause bin, schlafe ich vor der Arbeit eine Stunde. Früher hab ich das nie gemacht, aber ich habe gemerkt, dass ich älter werde. Immer wenn ich meine Schussweste anziehe und zur Arbeit gehe, weiß ich, ich kann abgestochen werden und komme vielleicht nicht mehr nach Hause. Ich guck mir zum letzten mal mein Zimmer an, oder ich sag zu meinem Kollegen mit dem ich zusammen wohne: „Tschau, pass auf dich auf.“ Ich weiß genau, es kann was passieren, und denk dabei sofort an meine Familie. Das ist echt jedes mal.

Ich kann abgestochen werden, eine Kugel kriegen – das kann schließlich alles mal passieren. Ich hab viel gesehen und viel erlebt. Ich hab Kollegen gesehen, die abgestochen worden sind, die einen Dolch in die Brust gekriegt haben. Ich hab Leute gesehen, die Waffen gezogen und geschossen, aber nicht getroffen haben. Deswegen weiß ich genau, was auf mich zukommt. Früher war ich voller Adrenalin und wie ein Pitbull. Ich bin mittlerweile viel ruhiger und lockerer geworden, und wende nur noch Gewaltmittel an, wenn es wirklich keinen anderen Ausweg gibt. Es kann einfach zu viel passieren.

Seit Dezember 2007 gilt in Hamburg ein neues Waffengesetz. Damit ist Hamburg Vorreiter beim verschärften Waffenrecht. Man hört, dass sogar Pfefferspray für Türsteher auf der Reeperbahn verboten sein soll. Wird das neue Waffengesetz von der Polizei konsequent durchgesetzt?

Die Gesetze sind mittlerweile so scharf geworden, dass die Polizisten selbst uns, wenn wir an der Tür stehen, kontrollieren. Letztes mal hatte ich normale Handschuhe an, da kam eine Dame von der Polizei und sagte: „ Kann ich mal Ihre Handschuhe sehen?“. Ich sagte zu ihr: „Ja, klar“ und darauf fasste sie meine Handschuhe an und sagte: „Ah, gut! Keine Quarzhandschuhe“. Ich guckte sie an und fragte: „Können Sie mir sagen, was hier vorgeht?“. Da fing sie an, dass wir keine Quarzhandschuhe, kein Pfefferspray, kein Messer usw. bei uns trage dürfen. Darauf hin sagte ich: „Sie nehmen uns alle Waffen weg. Wie soll ich mich da verteidigen gegen die ganzen Gangster hier?“.

„Mag sein, das Sie recht haben.“, sagte ich ihr, „Ich hab das StGB auch gelesen. Aber diese Jugendlichen hier, die kennen das StGB nicht und haben noch nie was von Gesetzbüchern gelesen. Sie halten sich auch nicht daran. Die werden also darauf auch nicht reagieren. Das Problem ist, wir halten uns an diese Gesetze und die Jugendlichen nicht. Und im Endeffekt sind wir dann genau dazwischen und der Situation ausgeliefert.“ Darauf sagte sie mir: “Dann rufen sie uns an“.
Das ist allerdings sehr unrealistisch. Oft bleibt gar keine Zeit rechtzeitig die Polizei zu rufen. Wenn die Polizei ankommt, ist die Situation meist schon eskaliert – und wir waren da mitten drinnen. Mit welcher Hand soll ich da noch mein Handy halten und die Polizei anrufen?

Ich will niemanden wehtun, aber solche Sachen wie Schlagstock, Quarzhandschuhe und Pfefferspray wirken auch abschreckend. Also verhalten sich die meisten an der Tür ruhig. Das ist wie bei einem Gladiator, der in seiner Rüstung mit einem Schwert vor einem steht. Mit so einem legt man sich nicht an. Durch die Entwaffnung der Türsteher schwindet auch schleichend das Abschreckungspotenzial.

Interview: JMH-Reporter Schulz

weitere Informationen:
MMA Hamburg – Lizenztrainer Ismail Cetinkaya

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