Vom Berliner Ghetto zum Jugendtrainer und Türsteher auf der Reeperbahn – Interview mit Ismail Cetinkaya Teil 2

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©JungeMedien Hamburg/S.Jablonski

Ismail Cetinkaya ist Deutschtürke und wurde vor 26 Jahren in Hamburg geboren. Seine Mutter stammt ursprünglich aus Izmir in der Türkei und sein Vater aus Mardin. Als Kind hat er 12 Jahre in der Türkei gelebt, bevor er wieder nach Deutschland gekommen ist. In Deutschland wuchs er zuerst in Berlin-Kreuzberg / Neukölln und Wedding auf. Viel später verschlug es ihn nach Hamburg, wo er ein Jahr im Stadtteil St. Georg wohnte. Ismail spricht türkisch, arabisch und deutsch. In Hamburg ist er Trainer für Mixed Martial Arts im Gym Kwan, einer der renommiertesten Kampfsportschulen Hamburgs. Nebenbei macht er eine Ausbildung zum Personenschützer und ist regelmäßig Türsteher auf der Hamburger Reeperbahn.

Bei dem Türsteherkrieg in Leipzig, ging es laut Medienberichten um die Macht und Kontrolle des Nachtlebens, vor allem auch der Drogenszene. Politiker denken darüber nach, nur noch Türsteher aus Sicherheitsunternehmen mit speziellen Lizenzen zuzulassen. Wie denkst Du darüber?

Wenn du es so betrachtest, haben die Politiker kein Unrecht. Die Türsteher, die so einen Job machen, sollten einfach ein gewisses Profil haben. Das heißt, sie dürfen keine Angst haben und müssen mutig sein. Außerdem ist es notwendig, dass sie genau wissen, auf was sie sich einlassen. Zum Beispiel diese Sicherheitsmitarbeiter, die von der Deutschen Bahn eingesetzt werden. Da sind oft Leute dabei, die sich einen Schuh anziehen, der einfach zu groß für sie ist. Deswegen passieren viele Unfälle, bei denen sie schwer verletzt werden, oder sie tun selber jemanden aus Angst weh.

Sowas passt halt nicht. Du kannst nicht einen Tiger mit einem Wolf kämpfen lassen. Die Kriminellen sehen sehr schnell, ob du Angst hast, oder nicht. Das merken die, sobald die dir einmal in die Augen geschaut haben. Die spüren jede Unsicherheit. Besonders wenn du an der Tür stehst. Es passiert auch oft, dass man getestet wird. Die wollen sehen, ob du sie bremsen kannst. Das können tätowierte 110-Kilo-Ochsen sein, die auf Koks sind und sich mit dir prügeln wollen. Hast du Mumm, bremst du sie. Wenn nicht, hast du deinen Rang und deine Autorität verloren.

Gibt es auch Türsteher, die mit Drogendealern zusammenarbeiten?

Ein Kollege hat mir mal erzählt, dass es tatsächlich Türsteher gibt, die mit Drogendealern zusammenarbeiten. Wer mit der Polizei zusammenarbeitet, ist ein Verräter. Die lassen diese Leute rein und wenn die 3000 Euro am Tag verdienen, dann bekommt der Türsteher 1000 Euro davon ab. Wenn du die Drogendealer verrätst, dann bist du ein Verräter. Deswegen gibt’s wohl auch Ärger in Leipzig. Aber schwarze Schafe gibt’s schließlich überall, nicht nur in der Türsteherszene.

Es gibt also auch Versuche Diskotheken als Drogenumschlagplätze zu übernehmen?

Manche Gruppen sind darauf aus, einen Laden zu übernehmen. Da musst du sowohl an der Tür „Macht“ haben, als auch die „Macht“ zeigen, sonst nehmen sie dir die „Macht“ ab und übernehmen den ganzen Laden, z.B. um ihre Drogen da drinnen zu verkaufen. Dann wird der Laden ein Drogenladen. So läuft das in der Türsteher-Szene. Der Türsteher muss die Macht haben, zu sagen: „Du und Du, ihr bleibt draußen.“ Da gab es natürlich auch schon Probleme mit Leuten, die Drogen verkaufen wollten und nicht in den Laden reingekommen sind.

Aber die wissen genau, wenn sie uns schlagen, dann bekommen sie Probleme. Bei anderen Leuten, da wissen sie genau, sie bekommen keine Probleme. Die wissen, wer Rückendeckung hat, und dass sie solche Leute mit Rückendeckung schwer loswerden. Selbst wenn sie solche Leute umlegen, bekommen sie danach Probleme. Aber einer von einem Sicherheitsunternehmen, der kann von oben bis unten in einer Schutzausrüstung da stehen, und bekommt vielleicht selbst dann noch ein Messer in den Nacken gerammt. Das passiert Ruck-Zuck. Und die Frage ist: wer steht dann da?

Du zweifelst also daran, dass lizensierte Sicherheitsunternehmen dieser Aufgabe gewachsen wären?

Diese Frage stellt sich oft. Du hast lizensierte Türsteher, und die hauen dann nachher alle ab, weil die Sache zu riskant wird. Das wurde damals schon auf der Reeperbahn versucht – und da war plötzlich mehr Gewalt da, als jemals zuvor. Danach haben sie mehr Beamte eingesetzt, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Es waren noch nie so viele Beamte da wie jetzt. Das liegt daran, dass die keine Kontrolle haben. Du kannst die Masse nicht kontrollieren, die sind zu gewalttätig. Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich hab viele Beschreibungen, woran das liegen könnte. Das fängt mit der Aggression oft schon im Kindesalter an.

Das sind häufig Jungs, die zu Hause, sowie mit der Freundin Stress haben und dann an der Tür durchdrehen, wenn man sie nicht rein lässt. Wenn das dann Türken oder Araber sind, kann ich mit denen auf ihrer Sprache sprechen. Das ist für die was ganz anderes, als wenn da ein Deutscher sagt:„ Du kommst hier nicht rein.“ Das sind oftmals sechs-sieben Leute, die dann da vor der Tür stehen und rein wollen. Mindestens einer von denen ist bewaffnet. Mit solchen Situationen muss man erst mal klar kommen. Deswegen werden deutsche Jungs an der Tür da massive Probleme haben, auch wenn sie von lizensierten Sicherheitsunternehmen sind. Ein afghanischer König hat mal einen guten Spruch gesagt: „Schick lieber fünf Löwen zum Krieg, anstatt tausend Schafe.“

Du planst demnächst ein Projekt für vernachlässigte Jugendliche, die aus aus sozialen Brennpunkten kommen. Was genau ist da von Dir geplant?

Ich will mit einem eigenen Konzept an die Sache rangehen. Nach meiner Meinung kommt man über den Sport am besten an die Jugendlichen ran. Beim Sport drücken sie sich ehrlich aus. Sie müssen sich ehrlich ausdrücken und können einem nicht soviel vorspielen. Im Ernstfall betrügen sie sich selbst. Da kommen sie am besten aus sich raus. Die sind manchmal wütend und sauer, und sprechen mit niemandem. Beim Training kassieren sie dann wegen ihrer Unaufmerksamkeit einen Treffer. Und ich sag: „Du hast deine Deckung fallen gelassen“. Ich zeige ihnen im Training, dass ich sie mag und will, dass sie gut werden. Dadurch gewinnen sie langsam vertrauen. Wenn sie vertrauen zu mir haben, dann öffnen sie sich automatisch.

Ich zeig Ihnen, dass ich freundlich bin und keine kahlgeschorenen Haare habe. Ich muss mir durch mein Aussehen keinen Respekt verschaffen. Du musst diese Jugendlichen richtig durch den Wolf drehen, um an sie ranzukommen. Ein einfacher Schullehrer kann das nicht. Ich trainier mit denen so lange, bis ich weiß, was ihr Schwachpunkt ist.

Sie lernen bei mir, dass sie mit roher Aggression nicht weiterkommen und lernen müssen, ihre Aggressionen zu beherrschen. Wer beim Training nur mit roher Aggression arbeitet, der macht das im Leben auch so – und damit kommt man nicht weiter. Viele Jugendliche wollen sich beweisen, weil sie noch nie die Chance gekriegt haben, sich gegen jemanden zu beweisen und noch nie richtige Anerkennung für ihre Leistungen bekommen haben. Auf der Straße versuchen sie, nicht schwach auszusehen und keine Schwächen zu zeigen. Ich hab hier Jungs gehabt, die hatten beim ersten Training Messer, Pfefferspray und anderes dabei. Ich dachte, ich trau meinen Augen nicht, und hab die dann zur Rede gestellt – da haben die mir die dollsten Geschichten erzählt. Der eine erzählte mir zum Beispiel mal, dass er sich mit sechs Leuten gekloppt, er sein Pfefferspray benutzt hat, und die sechs Leute dann alle am Boden lagen usw. ..dann hat er angeblich noch mal reingetreten. Von den Geschichten waren natürlich alle frei erfunden. Ich hab ihm nur gefragt: „Warum tust du das? Warum?“

Wahrscheinlich wollte er sich vor Dir beweisen…

Ich kenne sehr viele Leute, die sind im Knast, und die schreiben mir ab und zu Briefe. Die hatten ihre Aggressionen nicht unter Kontrolle und zu viele Schlägereien. Ich hatte einen Schüler, der ein sehr guter Kämpfer war, er sitzt jetzt im Gefängnis. Und da schrieb er mir: „Ismail, mir geht’s im Knast richtig schlecht. Da ist so eine Gruppe, die rückt mir nicht von der Pelle. Die wollen ich von hinten nehmen.“ Er sagte: „Ich muss mich wehren. Ich hab schon zwei von denen richtig verprügelt, aber die sind in der Überzahl und ich bin ganz alleine – keiner will mit mir sein. Das sind Leute, die wiegen 120-140 Kilo und tun den ganzen Tag nichts anderes als zu trainieren.“ Ich sagte nur zu ihm: „Jetzt verstehst Du was ich meine. Die geben Dir da drinnen noch einen Mädchennamen. Die Zeiten haben sich geändert, wir leben nicht mehr im Mittelalter.“ Er meinte zu mir: “Ismail, wir sind zu spät geboren.“ Ich antwortete ihm: „Vergiss die Gedanken. Wir sind keine Gladiatoren, die Leute umlegen und danach weitergehen können. Wir leben in einem Juristenstaat.“

Keine schöne Geschichte…Und wie reagieren die Jugendlichen darauf?

Wenn die Jungs die Geschichte hören, macht es meistens klick und sie werden zu anderen Menschen. Sie konzentrieren sich dann auf ihr Training und darauf, ihre Aggressionen zu kontrollieren. Der Haarschnitt ist auch anders geworden. Das ganze braucht zwar etwas Geduld, aber es funktioniert. Nach meinen Training setz ich mich mit meinen Jungs hin und frage sie, ob ich an meinem Training noch irgendwas verbessern kann, oder ob sie mit mir zufrieden sind. Im Training mach ich sie auf ihre Fehler aufmerksam, und nach dem Training haben sie die Möglichkeit, mich auf meine aufmerksam zu machen. Ich gebe den anderen nicht das Gefühl, das ich was besseres bin. Ich will mit meinen Schülern auf einer Ebene sein. Das sind Freunde von mir. Die reden mit mir über ihre Probleme, die bringen mich ins Krankenhaus, die rufen mich um zwei Uhr nachts an, wenn sie mit ihrer Frau Probleme haben und erzählen mir, dass sie von der Brücke springen wollen. Ein sehr guter Freund von mir hat sich wegen seiner Frau umgebracht. Er ist mit 130 km/h in einen Fluss reingefahren, weil sie ihn verlassen hat und sich einen anderen genommen hat. Das hab ich den Jungs auch erzählt. So was bringt nichts, denn er ist jetzt weg.

Seine Gedanken, sein Name. Der Tod ist ein bitteres Ende. Wichtig ist nicht, was du gemacht hast, sondern was du den anderen hinterlassen hast, nur so lebst du weiter. Es laufen Vollidioten rum, die erzählen den Jungs, dass Zuhälter 30.000 Euro im Monat machen und dicke Ferraris fahren. Oder die ganzen Rapper fahren Mercedes und BMW – sowas reizt die Jugendlichen natürlich. Sie fangen meist klein an, aber Geld macht süchtig. Erst wird Haschisch verkauft, danach Koks usw. Das schnelle Geld verführt.

Das sind ansich alles gute Jungs, sie sind nur nie auf den richtigen Weg geführt worden – das ist sehr schade für sie, und für die Gesellschaft.

Interview: JMH-Reporter Schulz

weitere Informationen:
MMA Hamburg – Lizenztrainer Ismail Cetinkaya

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Eine Antwort zu Vom Berliner Ghetto zum Jugendtrainer und Türsteher auf der Reeperbahn – Interview mit Ismail Cetinkaya Teil 2

  1. Hallo Ich habe deinen Artikel gelesen bin der kollege von Daniel wir haben einen rapper der sich sehr mit diesem report den du über ismail gemacht hast identifizieren könnte. er macht sich auch für die jugend stark, hat auch im knast gesessen und daraus gelernt. Mastino10 google das mal. meld dich ruhig hast ja meine nummer ich mach dir dann nen date klar, oder ein online meeting oder sowas.

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