Ein Interview mit „Deutschlands bekanntester Liebesromanexpertin“, Isolde Wehr


© Privatarchiv, Isolde Wehr

Isolde Wehr hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Seit nun schon 18 Jahren ist sie begeisterte Liebesromanleserin und arbeitet beim Area Verlag mit an der Liebesromanreihe „Moments“. Auf der Suche nach Gleichgesinnten rief sie vor 11 Jahren eine Internetseite von und für Liebesroman LeserInnen ins Leben, die jede Menge Platz und Möglichkeiten zum Austausch der LiRo-Fans bietet. Mit ihrer Website hilft sie gegen das Klischee einer Liebesromanleserin, einsame Hausfrau mitte vierzig, aufzuräumen und den Menschen einen kleinen Einblick in die Welt der Liebesromane zu verschaffen.

Was hat Ihre Begeisterung für Liebesromane geweckt? Und wann hat diese begonnen?

Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen und von klein auf liebe ich
Bücher und war regelmäßig in den Bibliotheken anzutreffen. Meine Familie
kennt mich gar nicht ohne Buch im Schlepptau. Als jedoch die Wende kam, war ich 15 und wusste ich nicht mehr, was ich denn jetzt eigentlich lesen soll.
Ich habe mein Glück mit Cora Romanen probiert (Tiffany, die waren damals
noch schwarz, an soviel kann ich mich erinnern und man konnte sie leicht
hinters Bett rutschen lassen, wenn Mutter mal wieder gesagt hat ich soll
doch schlafen und das Licht ausmachen statt zu lesen) und eines Tages hab
ich dann Taschenbücher entdeckt (ich kann mich nicht mehr erinnern ob wir
Taschenbücher in dem Sinn auch in der DDR hatten) und nachdem ich mir
unbedingt was zu lesen kaufen wollte, habe ich mir einen Georgette Heyer
Roman
ausgesucht, “Skandal im Ballsaal“. Das war eine Ausgabe von Rowohlt
mit einer witzigen Zeichnung vorn drauf und ich habe den Text, der dort
stand, falsch aufgefasst. Ich dachte in dem Buch geht es um ein uneheliches
Kind, von dem der Vater nichts wusste. War aber ganz falsch. Naja, zu Hause
angekommen habe ich mein Missgeschick gemerkt und das Buch in die Ecke
gepfeffert.

Kurz darauf hab ich es jedoch wieder hervor geholt, da bei uns im Buchladen
über der Kasse immer ein Schild hing wo draufstand: „Wer ein Buch kauft ohne es zu lesen, begeht Selbstmord ohne es zu wissen.“ Keine Ahnung wer diese klugen Worte verfasst hat, mir jedenfalls haben sie ordentlich ins Gewissen geredet und ich habe kurz darauf angefangen, das Buch dann doch zu lesen.
Was soll ich sagen, nach 100 Seiten hat es mich erwischt und als ich damit
fertig war, bin ich auf dem schnellsten Weg wieder in die Buchhandlung um
noch mehr Georgette Heyer Romane zu kaufen. Das ging solange, bis ich alle
zu Hause und alle gelesen hatte. Von da war es nur noch ein Katzensprung zu
Caroline Courtney und irgendwann habe ich mir dann auch meinen ersten
Johanna Lindsey Roman gekauft, dann folgten Cora MyLady Romane, Cora
Historicals, Jude Deveraux usw. Ein kleines Buch hat einen regelrechten
Schneeballeffekt ausgelöst und ich könnte mir heute ein Leben ohne
Liebesromane gar nicht mehr vorstellen.

Was hat Sie dazu bewegt die Internetseite ins Leben zu rufen?

Beim ersten Erkunden des Internets hatte ich gesehen, dass viele
Amerikanerinnen sich im Internet über Liebesromane ausgetauscht haben und
ich wollte so eine Plattform für die deutschen Fans schaffen und
gleichzeitig Kontakt zu anderen Liebesromanleserinnen bekommen.

Meinen Sie, dass ihre Seite dazu beiträgt Liebesromane salonfähig zu machen, ein breiteres Publikum dafür zu interessieren?

Definitiv! Nicht umsonst habe ich mittlerweile den Ruf Deutschlands
bekannteste Liebesromanexpertin zu sein (lacht)

Was zeichnet in Ihren Augen einen guten Liebesroman aus und wie
unterscheidet sich dieses Genre von anderen Genres?

Ein guter Liebesroman fesselt einen von Seite 1 an und lässt einen mit einem
seligen Lächeln das Buch am Ende schließen. Es muss eine gelungene Mischung aus packender Liebesgeschichte und gut verpackter Handlung sein. Bei Liebesromanen gibt es nun mal die Happy-End-Garantie, diese Gute-Laune-Garantie gibt es meiner Meinung nach sonst bei keinem anderen Genre.

Warum, denken Sie, ist es vielen Menschen/Frauen immer noch peinlich diese Art von Literatur zu lesen?

Meine persönliche Meinung ist, dass man zwar versucht die Menschen zum Lesen zu bewegen, aber liest man dann nichts „anspruchsvolles“ wird man leicht verurteilt. Obwohl diese Vorurteile nur bestehen, wenn man Angst vor etwas hat und es nicht kennt. Und jeder der Liebesromane liest hat mindestens einmal die Erfahrung gemacht wie beschämend es ist, wenn jemand verachtungsvoll die Nase rümpft, weil man „so etwas“ liest.

Welches sind die Vorurteile mit denen sich die Leser dieser Art von
Literatur am meisten konfrontiert sehen und was sind Ihre Ansichten dazu?

Das bekannteste Vorurteil ist wohl, das nur frustrierte Hausfrauen
Liebesromane lesen. Es ist mittlerweile hinreichend bewiesen, dass dem nicht
so ist. Schade dass diese Vorstellung immer noch bei einigen in den Köpfen
ist. Aber je offener man mit dem Thema umgeht, desto offener sind auch die
Reaktionen.

Ich selbst bemerke beim Lesen immer wieder, dass ich in die Welt des Buches eintauche und die Realität um mich herum vergesse. Wie ist es bei Ihnen?
Erleben Sie in dem Moment das Gelesene?

Beim Lesen spielt die Handlung um mich herum und wenn ein Buch richtig gut
ist, vergisst man schon für ein paar Stunden die Außenwelt, aber mit jeder
Lesepause ist man auch wieder in der Realität (lacht).

Wenn Sie auf eine einsame Insel müssten und nur fünf Bücher mitnehmen dürfen von den keines eine Romanze im klassischen Sinn ist, welches wären diese Bücher?

Da ich fast ausschließlich Liebesromane lese, eine schwere Frage, aber ich
denke das wären:
James Clavell: Noble House
Katherine Neville: Das Montglane Spiel
Dorothy Dunnett: Niccolos Aufstieg
Suzanne Frank: Die Prophetin von Luxor
Jana Hensel: Zonenkinder

Haben Sie schon einmal überlegt, selbst einen Roman zu schreiben?

Das werde ich lustiger weise immer wieder gefragt. Nein, ich werde definitiv
keinen Roman schreiben, bewundere aber alle, die das tun. Ich bin viel besser
darin den Finger auf die wunde Stelle zu legen und zu sagen: „Mhm da stimmt
was nicht, das muss noch mal umgeschrieben werden.“

Interview: JMH-Reporterin Pitzschk

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