Free Fight ( Mixed Martial Arts ) in Deutschland – Interview mit Andreas Stockmann ( FFA )


© Foto: Ugur Dilber – Andreas Stockmann ( links )

Andreas Stockmann gilt als einer der ersten deutschen „Free Fighter“ und Wegbereiter des Mixed Martial Arts (MMA) in Deutschland. Als Präsident der Free Fight Association (FFA), setzt er sich in Deutschland für eine Anerkennung des Free Fights als fairen Wettkampfsport ein und hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Die Ziele, die er sich für den Free Fight in Deutschland gesteckt hat, sind ehrgeizig: Die Festlegung von Wettkampf-Standards, sowie ein sportliches und transparentes Regelwerk.
Im Mai 2008 steigt er in Graz, Österreich, wieder als Kämpfer in den „Käfig“, um für die Kinderkrebshilfe in Köln Geld zu sammeln.

Herr Stockmann, Sie haben diverse Kampfsportarten praktiziert. Welche halten Sie persönlich am geeignetsten, um an einem Free Fight Turnier teilzunehmen?

Free Fight! ( lacht )
Es ist ganz einfach, nehmen Sie eine andere Sportart und schon wird der Denkfehler – den die meisten Sportler machen – sichtbar. Stellen Sie sich vor, Sie und ein paar Freunde spielen Wasserball. Wenn Ihnen einmal die „Gegner“ ausgingen, kämen Sie zu mir und meinen Freunden. Die Hälfte davon seien Kurzstreckenschwimmer und die andere Hälfte Taucher. Als wir Bedenken äußerten (bezüglich unserer Wettkampftauglichkeit), lachten Sie uns aus und erklärten uns, dies sei alles kein Problem, denn wir wären ja Wassersportler und somit gut vorbereitet. Nun raten Sie doch mal, wer dieses fiktive Spiel gewinnen würde? Man geht nicht einfach als Kampfsportler in ein Free Fight Event, man geht als Free Fighter kämpfen.

Ich bin der Meinung, dass – wenn man auf einem Free Fight Turnier kämpfen will – man sich darauf auch entsprechend vorbereiten sollte. Anhand des betreffenden Regelwerkes und aller sonstigen Möglichkeiten.

Link

Was würden Sie dem jungen Nachwuchs empfehlen, dem eine Laufbahn in diesem Vollkontakt-Wettkampfsport vorschwebt?

Als erstes soll Sport Spaß machen. Nur dann kann man über alles andere nachdenken und träumen. Aber vor dem Träumen kommt das Trainieren… aber das ist ja überall so.

Sie bieten selbst auch Kurse an, wie zum Beispiel das berüchtigte „Dirty Weekend“. Was wird den Teilnehmern dort vermittelt?

( lacht ) Ich wusste, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem jemand das Wort „berüchtigt“ – oder ein anderes negatives Wort – im Zusammenhang mit dem „Dirty Weekend“ in einer Frage benutzen würde.

Der Titel dieser Lehrgangsserie ist ein Spaß, erfunden von den Teilnehmern des ersten Lehrganges und ich blieb dabei.

Dieser Lehrgang ist ein physisch anspruchsvoller Techniklehrgang. Es gibt kein Sparring bei dem Lehrgang und niemand schlägt niemanden. Es geht um Technikvermittlung und Spaß.

Was unterscheidet Free Fight Association (FFA)- Veranstaltungen von anderen Events im „Mixed Martial Arts“ (MMA) Bereich in Deutschland?

Transparenz!
Transparenz bei den Titeln, dem Ausbildungsstand der Schiedsrichter, dem Regelwerk. Bei uns wird nicht einfach ein Titel in die Welt gesetzt und mit einem Kampf ist man plötzlich Weltmeister. Wir wollen erreichen, dass jeder Titel genau nachvollzogen werden kann: Wer hat warum und wann, gegen wen gekämpft? Eine Hilfe ist in dieser Sache die „MMA-Database.Com“-Webseite. Eine ständig wachsende Datenbank in Sachen Free Fight-Kämpfer und Free Fight-Events.

Angeblich kooperiert die FFA mit dem weltweit größten MMA-Veranstalter der Ultimat Fighting Championship (UFC). Können Sie uns mehr darüber sagen?

Die FFA sieht sich als ein Amateurverband, wir arbeiten nicht mit den UFC zusammen. Dana White weiß gar nicht, dass es uns gibt – warum auch? Er hat eines der größten Fight Label und wir sehen uns als eine Organisation, die im Aufbau ist.

Bei internationalen MMA-Kämpfen fallen einem oft regionale Unterschiede im Kampfstil auf. Wo sehen Sie die Stärken der deutschen und europäischen MMA-Kämpfer?

Die deutschen Kämpfer brauchen noch ein paar Jahre, um sich an die Weltspitze zu arbeiten. Ich glaube, dass eine ähnliche Situation, wie vor vielen Jahren im Judo entstanden ist. Solange die Judokas trainierten, wie die Japaner, verloren sie. Erst als wir das Judo zerlegten und analytisch trainierten, wie es den Europäern nun mal liegt, begannen wir regelmäßig zu gewinnen. Nun sind wir eine feste Größe im Judosport. Ich denke, die Stärken der deutschen Kämpfer werden zum Tragen kommen, wenn wir unserer Mentalität entsprechend trainieren.

Das MMA hat den Vollkontaktkampfsport revolutioniert, da bei Veranstaltungen, wie UFC und Pride, die besten Kämpfer aus verschieden Disziplinen erstmals gegeneinander antreten konnten, wodurch sich mit der Zeit ein eigener Kampfsport mit facettenreichen Schwerpunkten entwickelt hat. Was für einen Effekt hatte das Ihrer Meinung nach auf traditionellere Kampfsportarten?

Wie jedes Mal, wenn etwas Neues auftaucht, glauben „die Betonköpfe“ im Sport, das ist etwas, was sie ablehnen müssten. Mit der Zeit bedienen sie sich aber dann selbst der Techniken, die sie für brauchbar halten. Das gleiche geschieht übrigens auch umgedreht.

Kurz gesagt: Jeder hilft jedem…

Wie ist es als ehemaliger Kämpfer jetzt als Ringrichter im „Cage“ zu stehen?

Witzig. Ich habe mehr Adrenalin in mir als zu meiner aktiven Kampfzeit. Ich verstehe jeden einzelnen der Kämpfer sehr gut – auch, wenn ich es als Ringrichter nicht zeige – aber das ist nun mal mein Job: „Schütze den Kämpfer!“ – Meine oberste Aufgabe!

Kann man bei Ihnen, wie bei Bass Rutten oder Randy Cotour, auch ein Comeback als Kämpfer erwarten?

Ich werde zwar noch einmal, am 3. Mai 2008 in Graz, Österreich, in den Käfig steigen, sehe das aber nicht als Comeback an. Das geschieht lediglich, weil ich für die Kinderkrebshilfe in Köln Geld sammeln will, da die Veranstalter versprochen haben, einen größeren Betrag zu überweisen.

Sie waren selbst zuvor im Sicherheitsbereich tätig. Sehen Sie „Free Fight“ als ein realistisches Selbstverteidigungssystem an?

Nein, sehe ich nicht. Free Fight ist ein Sport und wie jeder Kampfsport ist er im Einzelfall und in gewisser Weise hilfreich – aber eher als unterstützende Maßnahme – als rein für den Sicherheitsbereich gedachter Sport, wäre er eher kontraproduktiv.

Vor Ihrer Flucht aus der DDR waren sie Nahkampfausbilder für eine Sondereinheit der NVA. Auf welchen Kampfstilen basierte der militärische Nahkampf der NVA?

Offiziell wurde und wird immer das aus Nordkorea stammende Gjogsul genannt. Es gibt übrigens ein Buch von Frank Pelny. Dieses zeigt ein wenig von diesem vergessenen Stil. Bedeutender waren aber die russischen Millitärbrüder. Ich selbst glaube, dass wir auch viele Einflüsse aus Vietnam innerhalb der verschiedenen Einheiten hatten.

Gab es in der NVA Unterweisungen in sowjetischen Kampfkünsten wie Combat Sambo und Systema?

Nö, diesen Quatsch gab es erst nach der Grenzöffnung, als bestimmte Kampfkünstler Wege suchten Geld zu verdienen und erkannten, dass man dazu eine Story und neue Vermarktungsstrategien haben muss. Als die Grenzen noch vorhanden und der Sozialismus stark war, gab es andere Sachen. Sie klangen nicht so spektakulär und waren rein aufgabenbezogen.

Neben dem Kampfsportler und Abenteurer Stockmann gibt es noch eine andere Seite, den Künstler. Wie sind Sie dazu gekommen?

Als ich geboren wurde ging´s los und hörte nicht mehr auf.

Interview: JMH-Reporter Jablonski


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9 Antworten zu Free Fight ( Mixed Martial Arts ) in Deutschland – Interview mit Andreas Stockmann ( FFA )

  1. Roman sagt:

    Einer der besten Lehrmeister die ich hatte und die man haben kann🙂

  2. Stanislav Levin sagt:

    Guten Tag! Welche Voraussetzungen muß man erfüllen, um Mitlglied von FFA oder MMA Deutschland zu werden? Danke im Voraus. S. Levin🙂

  3. Andreas sagt:

    Hi Stanislav Levin,
    geh mal auf die Seite MMA-Verband.de da findest Du Informationen. Beobachte vor allen Dingen auch den Link Lehrgänge😉
    Gruss

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