Vom Kunststudium zur Radioreporterin – Interview mit Dorothea Breit


Foto: Public

Dorothea Breit arbeitet seit mehreren Jahren als freie Kunst-, Kultur- und Reisejournalistin hauptsächlich für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Ihre journalistische Laufbahn begann sie als typische Quereinsteigerin. Sie berichtet fürs Radio über Kunst und Kultur im In- und Ausland. Im Interview mit JungeMedien Hamburg erzählt sie, wie sie damals zum Journalismus kam, was für Aufgaben auf einen zukommen und was man als angehender Journalist beachten sollte.

Frau Breit, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Sie sagen, dass Sie als typische Quereinsteigerin in den Journalismus hineingekommen sind. Wie war das damals?
Nach dem Abitur habe ich eine Hospitanz bei einer regionalen Tageszeitung in Bayern gemacht. Zu der Zeit wollte ich eigentlich Auslandskorrespondentin werden. Mir wurden sehr verantwortungsvolle Aufgaben übertragen. Ich durfte sogar eine ganzseitige Reportage machen. Danach hat man mir ein Volontariat angeboten, aber ich wollte nicht, weil ich Angst hatte, dort stecken zu bleiben. Es war dort so, wie man sich das als Klischee vorstellt: Der Kolumnenschreiber hatte seine Flasche Konjak im Schreibtischfach; jeden Tag gab es um zehn Uhr eine Wette und egal ob die Wette gut oder schlecht ausfiel, wurde eine Flasche Sekt geköpft. Das habe ich während der Hospitanz durchgehalten, aber ich dachte mir: „Nein, jahrelang schaffst du das nicht.“ Ich habe auch gemerkt, dass ich ein Thema haben möchte. Also habe mit dem Studium der Kommunikationswissenschaften und Germanistik angefangen. In Berlin habe ich dann Kunst studiert und kam per Zufall danach wieder zum Journalismus. Bei einer Berufsberatung für Freiberufler lernte ich eine Frau kennen, die mich bei meinen Texten beriet – eine ehemalige Lektorin. Sie meinte, ich hätte eine Stimme für das Radio und gab mir den Tipp, mich da mal umzugucken – und das habe ich gemacht. Man sollte sich die Sendungen vorher anhören. Es gibt ja soundsoviele Programme, die man halt mal durchhören muss, um Sendungen die man gut findet, bei denen man denkt, dass man selbst Spaß dran hätte und Themen über die man selbst bescheid weiß herauszufiltern. Man sollte auch Fachkompetenz mitbringen.
Ich habe dann einen Themenvorschlag gemacht und der wurde angenommen. Die Bewerbungen laufen über Telefon, Fax oder Email. In denen macht man dann Vorschläge für die Sendung.

Was für ein Themenvorschlag war das?
Das war die Besprechung einer Ausstellung in Bonn. Es war natürlich auch eine Menge Glück dabei, dass sich da jemand auf jemanden neues eingelassen hat, schließlich werden viele Themenvorschläge eingereicht und es ist wahnsinnig schwer, weil es natürlich auch viele Kolleginnen und Kollegen gibt.
Und das mit dem „ein-Wort-einlegen“ kann man sich abschminken.

Ist „ein gutes Wort einlegen“ also manchmal kein gutes Rezept?
Damit habe ich keine so guten Erfahrungen gemacht. Es kann ein zu großer Erwartungsdruck auf beiden Seiten entstehen. Man selbst ist dann verkrampft und die andere Person ist auch nicht frei. So läuft es, bei mir zumindest, nicht so gut. Bei mir ging eigentlich noch nie was über Beziehungen oder so. Alles was ich gemacht habe, gerade im Bereich als freie Journalistin, ging immer so: direkt selber ansprechen – und Sprung ins kalte Wasser.

Was würden Sie sagen, was den typischen Quereinsteiger eigentlich ausmacht?
Vielleicht, dass man autodidaktisch lernt, sich also alles selbst beibringt. Mir hat keiner gezeigt oder gesagt, wie man diese speziellen Beiträge für den Hörfunk macht und O-Töne einbaut. Ich habe nicht gelernt, wie man das im Studio macht. Beim ersten Mal, als wir die Geschichte produzierten, war der Redakteur dabei. Ich habe bei dem, was wir gemacht haben, gut aufgepasst und das nächste Mal musste ich das schon alleine machen. Da war dann niemand mehr dabei, außer dem Kollegen von der Technik natürlich.
Ich kann nicht sagen, ob es ein Vorteil oder ein Nachteil ist Autodidakt zu sein. Das muss jeder für sich herausfinden. Die Erfahrung, ob einem das liegt oder nicht, muss jeder selbst machen.

Was sollte man Ihrer Meinung nach als angehender Journalist beachten und für Fähigkeiten mitbringen?
Flexibilität, schnelles Auffassungsvermögen und so Geschichten, dass man nicht erwarten kann, dass einem ein Redakteur erklärt, wie man durchs Haus kommt. Man muss halt dezent die Sekretärin fragen oder sich am besten beim Pförtner erkundigen. Eigeninitiative ist ganz wichtig. Außerdem muss man sich daran gewöhnen, dass jeder Redakteur seine speziellen Eigenheiten hat. Man lernt mit der Zeit die verschiedenen Leute kennen, mit denen man zusammenarbeitet und weiß, mit wem es wie klappt.
Ich glaube, jeder findet da seinen eigenen Weg. Da kann man überhaupt nichts pauschal raten. Man kann sagen, diese oder jene Möglichkeiten gibt es, aber letztendlich muss jeder gucken und entscheiden, was für ihn passt. Es sind dann wirklich auch ganz oft Zufälle, wie man irgendwas sieht oder entdeckt. Es ist so, als wenn man durch eine Bibliothek läuft und zu einem Buch greift, sich fest liest und es toll findet – dann entdeckt man plötzlich etwas, worüber man anschließend eine Geschichte machen kann.

Seit mehreren Jahren sind Sie nun für den Hörfunk als Kultur- und Reisejournalistin aktiv. Können Sie uns kurz Ihre Tätigkeit beschreiben?
Den Reisejournalismus mache ich auf eigene Faust. Ich gucke, was interessant ist. Ich habe mein Aufnahmegerät immer dabei. Von den Sendern werde ich nicht auf Reisen geschickt, da dafür das Geld fehlt. Die Reisen finanziere ich meistens privat, aber am Ende weiß ich auch, dass ich das Material verkaufen kann und Interesse daran besteht. Es gibt auch die Möglichkeit Pressereisen mitzumachen, das ist eine Sache von Kontakte knüpfen, oder mal reinrutschen.
Ich mache Reportagen, Kunstkritiken, Buchbesprechungen, ich schreibe Glossen und Kommentare. Ich spreche die Beiträge auch selbst.
Ich habe auch für Print gearbeitet, arbeite also nicht nur für den Hörfunk. Es sind immer so Phasen, in denen man für diese oder jene Redaktion arbeitet. Und dann kommen die Ferienzeiten, in denen man, wenn keine Termine auf dem Veranstaltungskalender stehen, mal ganz eigene Geschichten recherchieren kann. Das macht auch Spaß.

Machen Sie auch Fotos, oder wie halten Sie das Material fest, wenn Sie auf Reisen gehen?
Früher habe ich Fotos gemacht, im Augenblick nicht. Ich halte viel mit den Augen und mit dem Stift fest. Ich suche dann Gesprächspartner. Davon lebt ja ein Beitrag im Radio, vom Gespräch, von den O-Tönen. Das Schreiben für das Radio ist ein anderes Schreiben, als das für Print. Beim Radio schreibt man immer auf die O-Töne hin. Ich schreibe nicht besonders schnell und drehe jedes Wort zehnmal um. Dann denke ich oft „Ah, toll…fertig“, und am nächsten Tag lese ich es mir noch mal kurz durch – sollte die Geschichte schon abgeben – und schreibe in einer halben Stunde alles noch einmal um. Also, das passiert schon. Das machen aber andere auch. Ich habe schon mit RedakteurInnen gesprochen, die das auch gut kennen.

Ständig neue Reportagen zu machen ist sicherlich aufregend. Allerdings sind Sie dadurch auch viel unterwegs und zeitlich stark eingenommen. Leidet das Privatleben darunter, oder lässt sich das gut arrangieren?
Man muss schon ein bisschen flexibel in diesen Dingen sein. Ich würde es nicht ertragen, wenn ich morgens um acht Uhr irgendwo einchecken müsste und um sechzehn / siebzehn Uhr meine Karte wieder auslöse, oder sowas Ähnliches. Ich kann mir gut selbst eine Tagesstruktur schaffen. Man kann es auch so organisieren, dass man das Wochenende frei hat. Allerdings geht das nicht immer. Wenn ich von einer Redaktion gebeten werde: „Können Sie dies oder das machen“, dann sag ich nicht nein , selbst wenn es am Wochenende ist.
Die permanente Verfügbarkeit ist eine Grundvoraussetzung. Das sollte man sich schon klar machen.
Es ist mir schon passiert, dass ich eine Ausstellung mehreren Redaktionen vorgeschlagen habe – und alle sagten dann: „Ja, wollen wir“. Dann musste ich drei Geschichten in zwei Tagen machen. Die einen wollen drei Minuten, die anderen zweieinhalb und fünf Minuten. Das heißt aber, Sie können bei der Geschichte nicht einfach vorne und hinten etwas abschneiden. Die Struktur eines Zweiminüters ist anders als die eines Vierminüters. Es müssen ja alle Informationen drinnen sein. Da kommt man dann ein bisschen ins Rödeln.
Man hat für jeden Beitrag einen eigenen Termin. Spätestens zwei Stunden vor der Sendung muss das der Redaktion vorliegen; denn die Redaktion hört das dann vorher nochmal ab.
Auf diese Rahmenbedingungen richtet man sich ein. Immer verfügbar zu sein ist nicht jedermanns oder jederfraus Sache.
Ich denke, heute kann man es sich nicht mehr erlauben, zu sagen, dass man sonntags nie arbeitet.
Für Frauen ( und Männer ) mit Kindern ist so ein Job mit freier Zeiteinteilung auch oft ideal, weil sie bezüglich der Arbeitszeiten flexibel sind. Sie können, wenn sie gut nachts arbeiten, das auch alles nachts machen und tagsüber für die Kinder da sein. Oder man kann tagsüber, wenn die Kinder im Kindergarten oder in der Schule sind, beispielsweise eine Pressekonferenz mitmachen und diese dann abends schreiben. Weil man so flexibel ist und von beiden Seiten so viel Flexibilität gefragt ist, kann man sich da eigentlich ganz gut arrangieren. Man muss natürlich immer ein bisschen organisieren. Aber das ist im Privatleben ja auch nicht anders.

Haben Sie Ihren Traumjob gefunden, oder würden Sie die Uhr noch mal zurückdrehen, wenn Sie könnten?
Also „Traumjob“, das sagt ja schon das Wort. Der Traum bleibt eine Illusion. Sie haben es ja schon herausgehört: Man muss halt bestimmte Sachen einfach mitbringen und auch Kompromisse treffen. Aber es ist ein schöner und erfüllender Beruf und ich wünsche mir in dem Sinne im Augenblick nichts anderes.

Welche Tipps möchten Sie den interessierten Nachwuchsjournalisten abschließend noch mit auf den Weg geben?
Sie brauchen Neugier, Flexibilität, Unvoreingenommenheit und die Bereitschaft, sich mit Ungewöhnlichem zu konfrontieren. Sie müssen selbstkritisch sein und Kritik ertragen.
Vor allem mit der Kritik sollte man sich konstruktiv auseinandersetzen und sie nicht verletzend betrachten, weil man immer was dabei lernt. Das ist wichtig.
Man sollte auch lernen, nicht an Worten zu kleben. Gerade beim Rundfunk wird jedes Wort diskutiert, da muss man manchmal auch dafür kämpfen. Ein Beitrag kann eben nur zwei, dreieinhalb oder fünf Minuten lang sein. Jede Sendung hat ein Format und um Punkt zwölf Uhr sind die Nachrichten. Da muss man sich manchmal von einigen Sätzen trennen und sollte deswegen keine Tränen vergießen.

Interview: JMH-Reporter Schulz

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