Zwischen Kapstadt und Hamburg – Interview mit Filmemacher Thorsten Wien


Foto: Thorsten Wien

Der gebürtige Hamburger Thorsten Wien, Jahrgang 1970, studierte in London an der London Film School und arbeitet zur Zeit in Kapstadt, von wo aus er sein neuestes Filmprojekt vorantreibt. Hamburg ist er stets treu geblieben. So kennen ihn die Studenten der Stage School in Hamburg – als Gastdozenten, als ehemaligen Studenten dieser Talentschmiede, und als „einen von ihnen“.
Der Regisseur und Schauspieler absolvierte die Stage School und den Hollywood Acting Workshop in Los Angeles und für Freunde und Verwandte war und ist Thorsten Wien „Schauspieler aus Leidenschaft“.

Schon als kleiner Junge wurde das Familienpony für erste Cowboy-Filme ausdrucksstark und mit viel abendrötlichem Gegenlicht in den Sonnenuntergang gelenkt.
Nach dem Abitur folgten deutschlandweit Engagements auf den Brettern, die „die Welt bedeuten“. Zeitgleich erlag er der für alle darstellenden Künstler verlockenden Film und Fernsehbranche.
Zu seinen letzten Schauspielprojekten gehört eine Rolle in dem Film „In the Name of…“ für Tigerventures, auch in einer Holsten Werbekampagne war Thorsten Wien vor kurzem im TV und in den Print-Medien zu sehen.

Thorsten, in deiner Vita kann man lesen, dass du schon als Kind angefangen hast Filme zu drehen. War es von Anfang an dein Traum Schauspieler bzw. Regisseur zu werden?
Vielleicht war es auch irgendwann einmal Feuerwehrmann oder Astronaut, um ehrlich zu sein, kann ich mich daran nicht mehr so richtig erinnern. Allerdings hole ich meistens, wenn mir diese Frage gestellt, wird einen Aufsatz hervor, den ich damals in der dritten Klasse geschrieben habe. Die Aufgabe war es zu beschreiben, „Was Du später werden willst!“ und da war meine Antwort schon Filmschauspieler. Ich wollte unbedingt in Serien wie „Flipper“ oder „Western von Gestern“ mitspielen. Na, wer weiß, vielleicht kommt ja bald ein Western und Delphine gibt es hier in Südafrika ja auch. (lacht)

Du lebst und arbeitest jetzt seit einiger Zeit in Kapstadt/Süd Afrika, vermisst du deine Heimat schon?
Klar. Wobei das natürlich immer zwei Seiten hat. Zum einen fällt mir immer wieder auf, wie frei ich mich in Deutschland bewegen kann. Andererseits ist mir das, als ich noch in Europa gelebt habe, nie so aufgefallen. Es war irgendwie selbstverständlich. Hier überlegst du es dir zweimal, bevor du zu Fuß zum Laden an der Ecke gehst. Auf der anderen Seite sitze ich dann abends manchmal auf unserem Balkon, schau – den Tafelberg im Rücken – aufs Wasser und denke über all die positiven Seiten Kapstadts nach: die landschaftliche Schönheit Afrikas, die unterschiedlichen Kulturen und natürlich all die Möglichkeiten die einem hier noch offen stehen.

Irgendwie ist das Land von einem Pioniergeist ergriffen den ich bei uns in Europa eher vermisse. Gerade in Deutschland ist Sicherheit doch Regel Nummer eins und Risikobereitschaft eher selten. Ist schon komisch, denn eigentlich müsste es doch anders herum sein, und hier in Südafrika die Menschen sicherheitsbewusster leben. Nach außen ist das auch sicher so, denn kaum einer hat hier keine Gitter vor den Fenstern oder einen bewaffneten Sicherheitsdienst der Nachts die Runden macht. Trotzdem fühle ich mich innerlich freier. Schon merkwürdig. Klingt jetzt wahrscheinlich total romantisiert. Macht nix, fühlt sich für mich so an und ich bin halt Romantiker.

Du hast auch deinen Abschlussfilm für die London Film School in Kapstadt gedreht. Worum geht es in dem Kurzfilm?
Der Film handelt von der fünfzehnjährigen Ruth. Recht wohlbehütet aufgewachsen, scheint das Leben ihr nichts interessantes bieten zu können. Im Gegensatz zu ihrer besten Freundin Donna langweilen sie Parties und Einkaufszentren eher, als dass sie Abwechslung bieten. Dann lernt sie Edwin kennen, ein neuer Schüler an ihrer Schule. Edwin hat seinem Vater eine Waffe geklaut und die Beiden fangen an sich darüber Gedanken zu machen, wie es wohl wäre jemanden umzubringen. Ruth treibt diese Gedankenspiele immer weiter bis selbst Edwin aufgibt, und erst als sie (fast) jemanden umbringt, fällt sie eine Entscheidung fürs Leben.

Als es klar war, dass ich nach Kapstadt gehen würde, war ich noch an der Filmschule und musste meinen Abschlussfilm noch drehen. Ich wusste also, dass ich nur gehen konnte, falls ich ein Buch finden würde, das ich in Südafrika verwirklichen konnte. Glücklicherweise habe ich Guy Lodge, einen südafrikanischen Autor der ebenfalls an der London Film School studiert hat, kennengelernt und seine Geschichte hat mir sofort gefallen. Das Thema Jugend und Gewalt, sowie die Ursachen vor dem Hintergrund eines Landes mit einer hohen Kriminalitätsrate, in dem Schilder an öffentlichen Einrichtungen darauf hinweisen, dass der Eintritt mit Waffen verboten ist, fand ich extrem faszinierend.

Du hast bereits als Schauspieler im Film und am Theater gearbeitet, wo liegen für dich dort die Unterschiede?
Vorwiegend im Medium und den damit verbundenen Darstellungsmöglichkeiten. Im Theater ist es in erster Linie der Zuschauer der auswählt wohin er auf der Bühne schauen will. Beim Film wird ihm diese Entscheidung durch den Regisseur abgenommen. Die Kamera gibt dem Regisseur hierbei die Möglichkeit nur Ausschnitte des Geschehens zu zeigen und bei Bedarf so weit an den Darsteller heranzutreten, dass sein Auge bildfüllend auf einer 20m Leinwand zu sehen ist. Natürlich fordert das eine andere Spielweise. Außerdem stellt die Tatsache, dass ein Film ein Zusammenschnitt mehrerer Einstellungen – also Szenenabschnitte – ist, eine handwerklich völlig andere Herausforderung an den Schauspieler.

Du bietest seit einiger Zeit Workshops an der Stage School Hamburg an, dort wo du auch deine Ausbildung gemacht hast. Wie kam die Idee zustande und was wird in den Workshops vermittelt?
Mitte der Neunziger habe ich einige Jahre in Amerika verbracht und Schauspieler bei der Arbeit beobachten können, die dort ausgebildet waren. Mit welcher Routine sogar junge Schauspieler dort die handwerklichen Besonderheiten des Mediums Film meistern, hat mich völlig fasziniert. Ich kann mich erinnern als ich das erste Mal vor der Kamera stand, wie unbeholfen ich damals damit umgegangen bin und wie sehr mich, die zum Theater unterschiedliche Art zu arbeiten, aus der Bahn geworfen hat. In den Staaten beginnt für viele junge Leute das Schauspieltraining schon während der High School und häufig auch schon mit einem Fokus auf Film und in Zusammenarbeit mit professionellen Filmemachern. Teilweise ist es sogar möglich, sein Abitur an Schulen zu machen, die gleichzeitig damit beginnen Jugendliche zu Künstlern ausbilden. Klar, dass sie dadurch viel routinierter mit den handwerklichen Aspekten ihrer Kunst umgehen. Man mag über die Amerikaner und ihre Filme sagen was man will, aber handwerklich wissen sie definitiv wovon sie reden.

Vor ein paar Jahren kam ich dann zufällig ins Gespräch mit Kim Moke der Direktorin der Stage School in Hamburg, die ich noch aus meiner Zeit dort kannte. Irgendwie entstand dann im Laufe diese Gesprächs die Idee, dort Workshops nach amerikanischem Vorbild aufzubauen. Inzwischen unterrichte ich dort 1-2 mal im Jahr seit mehreren Jahren und bin immer wieder erstaunt, wieviel ich selber auch von meinen Schülern lernen kann. Es gibt zum Beispiel eine Szene, die ich jetzt bestimmt schon von mehr als hundert Schülern gesehen habe, aber häufig, wenn ein neuer Schüler die Szene spielt, entdecke ich wieder Dinge die mir vorher nie aufgefallen waren. So werde ich als Lehrer auch wieder zum Schüler (grinst). Zur Zeit biete ich drei Kurse an: „Kameratechnik“, sie befasst sich mit den handwerklichen Dingen wie Anschlüssen, Markierungen dem Ablauf eines Drehtages etc. Der Kurs ist in erster Linie für Darsteller gedacht, die noch gar keine Erfahrung mit Dreharbeiten haben und soll ihnen helfen zumindest einen Eindruck davon zu gewinnen, was an ihrem ersten Drehtag von ihnen gefordert wird. In dem Kurs „Filmschauspiel“ stelle ich Methodiken vor, die helfen sollen eine Figur vor der Kamera zu leben, statt sie zu spielen, und befasse mich eindringlich mit der Nahaufnahme und den damit verbundenen Schwierigkeiten.
Letztes Jahr ist dann auf Anfragen noch der Kurs „Casting, Fotos, Lebenslauf“ dazu gekommen. War auch wichtig. Du würdest lachen, wenn ich Dir ein paar von den Bewerbungen zeige, die manchmal bei mir auf dem Tisch landen.

Was sind deine nächsten Pläne und Ziele?
Zur Zeit leite ich die Schauspielabteilung an der südafrikanischen Filmschule AFDA und stehe gelegentlich hier in Kapstadt vor der Kamera. Mit meiner Produktionsfirma Hansafilm SA, die sich vorwiegend auf neue Aufzeichnungstechniken und international Koproduktionen spezialisiert, bin ich außerdem auf Stoffsuche für ein nächstes Projekt. Es gibt diverse Ideen, die in unterschiedlichen Phasen der Entwicklung stecken, aber noch ist nichts davon spruchreif. Auf alle Fälle wird das Projekt Spielfilmlänge haben. Und dann komme ich natürlich auch mindestens einmal pro Jahr nach Hamburg um an der Stage School zu unterrichten. Wer weiß, vielleicht komme ich ja auch irgendwann wieder für länger nach Deutschland zurück und drehe da einen Film. Könnte ja eine deutsch-südafrikanische Koproduktion werden. Oder vielleicht doch ein Western (lacht). Wie gesagt, es gibt viele Ideen.

Interview: JMH-Reporter Stuehl

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