Gerd Heidemann der Spürhund / Ein ehemaliger Kriegs- und Starreporter beim Stern Teil5


©JungeMedien Hamburg/ M.Schulz

Im Januar 1981 trifft Heidemann auf den vermeintlichen Besitzer der Hitler-Tagebücher, den Militaria-Händler Konrad Kujau, der sich ihm als „Konrad Fischer“ vorstellt.
Die Verlagsleitung von Gruner + Jahr blättert für 62 Hitler-Kladden 9,3 Millionen DM hin. Das Geld wird Konrad Kujau alias „Konrad Fischer“ vom „Stern“-Reporter Gerd Heidemann überreicht – leider, ohne Quittung! Hochrangige Schriftgutachter bestätigen die Echtheit der Hitler-Tagebücher: das Bundesarchiv, Dr. Max Frei-Sulzer ( Leiter des wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich), das LKA-Rheinlandpfalz, der angesehene Historiker Trevor-Roper, sie alle geben Fehlgutachten ab.

Fotostrecke: Gerd Heidemann der Spürhund / ein ehemaliger Kriegs- und Starreporter beim “Stern”

Die Fehlgutachten (frogvideo.de)

Nur das BKA hält sein Gutachten bis zum Schluss zurück. Als es schon zu spät ist, kommt vom BKA die Warnung, dass bei der Prüfung einer Seite Papieraufheller entdeckt wurde, der erst nach dem Krieg verwendet wurde. Die genauen Umstände liegen bis heute im Dunkeln.
Heidemann der „Spürhund“ war aufs Kreuz gelegt worden. Die Hitler-Tagebücher waren eine braungebrannte Ente – ein lebendiger Martin Bormann konnte ebenso wenig gefunden werden.
Der „Stern“ schlidderte in seine größte Pleite.

Der wohlverdiente Ruhestand und die Tagebuch-Pleite
„Stern“-Gründer Nannen tobte, zumal der nun gerade seinen guten Abgang aus dem „Stern“ vorbereitet hatte. Nannen träumte bereits vom wohlverdienten Ruhestand, baute eine eigene Kunstgalerie in Emden auf.
Noch am 25. April 1983 wurden die Hitler-Tagebücher vor der Weltöffentlichkeit stolz als Sensation präsentiert. Danach platzte auf einmal die Seifenblase. Nun hatten sie es alle plötzlich schon immer gewusst. Der schuldige war schnell gefunden. Der „Spürhund“ Heidemann hatte die Tagebücher in den „Stern“ geschleppt, auf die Beute gehetzt hatten ihn allerdings andere. Jetzt hatte er plötzlich einen „Tick“, wurde mal wieder für „verrückt“ erklärt. Die Anschuldiger waren wie immer die gleichen, die, die ihn auch damals bei der Suche nach B. Traven für verrückt erklärt hatten: Neider, Intriganten, Besserwisser und Schreibtischjournalisten.

Doch damals kam er mit einer Trophäe nach Hause, fand den mysteriösen Schriftsteller B. Traven tatsächlich, der sich 40 Jahre unentdeckt in Mexiko versteckt gehalten hatte. Die Hitler-Tagebücher jedoch, waren der größte Schnitzer in Heidemanns schillernder „Stern“-Karriere.
Für den „Stern“-Gründer Nannen ein unverzeihlicher Fehler. Am 09.Mai 1983 erstattet der „Stern“-Gründer Henri Nannen Anzeige gegen seinen einstigen Zögling, wegen „dringenden Betrugverdachts“. Heidemann soll angeblich mehrere Millionen Mark unterschlagen haben. Am 10. Mai 1983 erhält Heidemann seine fristlose Kündigung. Gerd Heidemann wird zum Abschuss freigegeben. Er steht jetzt vor einem Scherbenhaufen, denkt über Selbstmord nach. Sein Leben erlebt einen ungeheuren Einbruch.

Was war passiert? Der Militariahändler Konrad Kujau, alias „Conny Fischer“, entpuppte sich als Lügenbaron und Meisterfälscher, der jahrelang unter falscher Identität lebte und mit Militariagütern handelte. Im Fälschen von Handschriften erprobt, hatte er nach langer Übung die Handschrift Hitlers angenommen und die Hitler-Tagebücher gefälscht. Er hielt sogar die Schriftgutachter zum Narren. Ein wahrer Meisterstreich.
Nach einem beispiellosen Prozess, wurden Gerd Heidemann und Konrad Kujau zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Die Materialschlacht die man nicht gewinnen konnte
Der Prozess gegen Heidemann war eine Materialschlacht und hatte es in sich. Die Staatsanwaltschaft durch das endlose Material und Berge von Akten restlos überfordert, Kujau der Meisterfälscher erdichtete ständig neue Grimmsmärchen vor Gericht die Heidemann belasteten. Die Fülle an tollen Geschichten und lustigen Dokumenten nahm schließlich solche Ausmaße an, dass kaum noch einer den Durchblick hatte. Zur Krönung des Ganzen wurden Heidemann belastende Dokumente gefälscht, die dann nachweisen sollten, dass er die angeblich unterschlagenen „Stern“-Millionen in Südamerika investiert hatte. Nichts als eine plumpe Fälschung, wie sich später herausstellte. Mit allen Mitteln sollte versucht werden, den einstigen Glanz-Reporter des „Stern“ zu demontieren und ihm die Millionen in die Schuhe zu schieben. Heidemann entlastende Tonbänder wurden vor Gericht als Beweismittel gar nicht erst zugelassen.

Dabei war Heidemann seit frühester Jugend ein treuer Weggefährte des „Stern“ gewesen, bekam Sonderhonorare, war sogar der heimliche Liebling Nannens und hatte einen guten Verdienst. Kujau hingegen hatte sich sein Leben lang durch Betrügereien am Leben gehalten. Seine ganze Lebensgeschichte las sich wie ein fantastisches Märchen vom Lügenbaron Münchhausen. Mal hieß er Fischer, dann wieder Kujau, dann war er plötzlich Doktor, dann BND-Agent, großer Schriftsteller, Künstler, schließlich mimte er den Hitler und krakelte die Hitler-Tagebücher.
Mit diesem Münchhausen sollte Heidemann nun auf eine Stufe gestellt werden. Noch besser, er sollte sogar ein noch größerer Lügenbaron sein, als es der Meisterfälscher Kujau selbst gewesen ist.

Das Kujau offenbar keine Lust hatte, alleine in den Bau zu gehen, und meisterhaft massenwirksame Lügen-Operetten vor Gericht vorführte, kam anscheinend niemandem in den Sinn – oder man wollte es nicht wahrhaben.

Heidemann zum Abschuss freigegeben
Der große Nannen selbst hatte seinen Zögling wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Nannens Elite-Soldat Heidemann hatte einen gravierenden Fehler begangen, den größten Schnitzer seiner Karriere: Er hatte die gefälschten Tagebücher in den „Stern“ geschleppt. Ein solcher Fehler war nicht nur unverzeihlich, er war das Ende einer langen Freundschaft.
Heidemann war ein Spezialist und Nannen war sein General. Ein so grober Fehler, der für den „Stern“ fast das Aus bedeutet hätte, das war für den General unverzeihlich. Für diesen Mist hatte Heidemann die alleinige Verantwortung zu tragen.
Nannen der Schmied des „Stern“ erstattete Strafanzeige gegen Heidemann. Heidemann wurde abserviert.

Eine Wiederaufnahme des Verfahrens ist nicht möglich. Der Streitwert ist so hoch, dass die Anwälte alleine für die Aufnahme des Verfahrens 40 000 Euro verlangen würden ( Streitwert 10 Millionen Mark, für einen Schriftsatz wollten die Anwälte damals im Tagebuch-Prozess 100 000 Mark haben). Selbst wenn Heidemann gewinnen würde, könnte der Staatsanwalt in Revision gehen und der Prozess würde dann noch mal neu aufgerollt.
Heidemann entlastendes Material ist auf unzähligen Tonbändern gespeichert, die vor Gericht nie abgespielt werden durften.
Ob man beim „Stern“ bereits über eine Begnadigung Heidemanns zu seinem Hundertjährigen nachdenkt? Dieses Jahr wird er 77 Jahre alt.

Gitta Sereny von Heidemanns Unschuld überzeugt

Die Fairness des Prozesses gegen Heidemann, und die Betrugsvorwürfe gegen ihn, werden immer wieder angezweifelt. Es ist an der Zeit, dass die Dinge richtiggestellt werden.
Ohne die Hilfe des „Stern“, wird das nicht möglich sein.
2002 veröffentlichte die britische Journalistin Gitta Sereny ihre Recherchen zu dem Fall. Sie kommt zwar zu ganz neuen Ergebnissen, allerdings steht für sie auch fest, dass Heidemann nicht schuldig ist und mächtig aufs Kreuz gelegt wurde.
Alte Nazis steckten hinter Hitler-Tagebüchern

Was danach geschah:
Konrad Kujau
wird 1988 wegen schwerem Kehlkopfkrebs vorzeitig aus der Haft entlassen. Nach seiner Haft wird er als „Meisterfälscher“ gefeiert und verkauft offiziell seine Kunstfälschungen großer Künstler, mit der Aufschrift „Kujau“. 1996 wird er sogar politisch aktiv und kandidiert in Stuttgart als Oberbürgermeister. Am 12. September 2000 stirbt er an Krebs.

Karl Wolff, der ehemalige SS-General, mit dem Heidemann in Südamerika die „Rattenlinie“ erforscht hat, stirbt am 17.Juli 1984 in Rosenheim und kann deshalb im Tagebuch-Prozess 1984 nicht mehr aussagen.

Dr. Max Frei- Sulzer, der renommierte und damals europaweit bekannte Schweizer Forensiker, stirbt 1983 an Herzversagen. Er hatte 1970 als einer der ersten die Turiner Grabtücher untersucht und kam in zahlreichen Terroristenprozessen als Gutachter zum Einsatz. Die Hitler-Tagebücher hatte er fälschlicherweise in einem Gutachten für echt befunden.

Das Bundesarchiv hockt wahrscheinlich auch heute noch auf haufenweise gefälschten Dokumenten der Zeitgeschichte, die irrtümlicherweise für echt befunden wurden. Eine große Untersuchung aller Bestände hat nach dem Tagebuch-Skandal nie stattgefunden, obwohl fast alle Gutachten Fehlgutachten waren. Offiziell hat das Bundesarchiv die Tagebücher als Fälschung entlarvt. Dokumente sagen allerdings etwas anderes aus.

Henri Nannen, der Schmied des „Stern“, zieht sich nach der Tagebuch-Pleite in seine Heimatstadt Emden zurück, wo er 1986 eine Kunstgalerie stiftet und 1989 die Ehrenbürgerwürde erhält.
Er stirbt am 13. Oktober 1996 in Hannover.

Randolph Braumann, der Kriegsreporter, lebt noch heute in Hamburg. Er steht immer noch in gutem Kontakt mit Heidemann. Dieser hatte ihm damals in Jordanien das Leben gerettet.

Dr. Thomas Walde, Ressortleiter für Zeitgeschichte beim „Stern“, geht nach der Tagebuch-Pleite zum Radio Hamburg, wo er bereits 1988 Programmdirektor ist.

Gerd Heidemann wird im September 1989 aus der Haft entlassen und lebt zurückgezogen in Hamburg Altona. Dort hat er emsig ein bedeutendes Archiv für Zeitgeschichte zusammengetragen, das ihn nach seinem Karriereknick die meiste Zeit beschäftigt hielt.

Im April 1992 ist Gerd Heidemann noch einmal der „Spürhund“ und löst einen Kriminalfall für die Hamburger Kripo. Zwei alte Kunstwerke sind in einer Spedition gestohlen worden, kurz bevor sie versteigert werden sollten. Eine Guillotine aus der Französischen Revolution und ein Flügel, den Hitler zum 50. Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Heidemann kommt den Tätern auf die Spur, gibt sich in Zusammenarbeit mit der Kripo als potenzieller Käufer aus.
In Hamburg schlägt dann das Mobile Einsatzkommando zu. Die Täter können gefasst werden.
Heidemann darf die Szene fotografieren. Morgenpost und Bildzeitung berichteten darüber.
Am 16. Mai 1992 konnten die Gegenstände dann endlich versteigert werden.

(msc)

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Teil 1 Gerd Heidemann – Jugend und Werdegang

Teil 2 Gerd Heidemann der Reporter beim Stern

Teil 3 Gerd Heidemann und der „Schwarze September“

Teil 4 Das Ressort Zeitgeschichte und das NS-Netzwerk

Teil 5 Die Tagebuch-Falle und die Säuberung des Stern

Verwandte Themen

Koch kontra Seufert – Die Skandale des Stern, Michael Seufert und die Hitler Tagebücher »





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11 Responses to Gerd Heidemann der Spürhund / Ein ehemaliger Kriegs- und Starreporter beim Stern Teil5

  1. Markus Henneke sagt:

    Mein Kompliment für diesen Beitrag!

    Dem Autor ist es in hervorragender Weise gelungen, Leben und Wirken von Herrn Heidemann zu würdigen.

    Aus diesem Text wird deutlich, welche beeindruckende und erfolgreiche Karriere er bereits hinter sich hatte, bevor sich die Affäre um die „Hitler-Tagebücher“ ereignete.

    Es bleibt zu hoffen, dass ihm nun, in einem Alter jenseits der 75, die Würdigung zuteil wird, die ihm gebührt.

    Heutige und künftige Fotojournalisten und Rechercheure sollten in ihm ein Vorbild sehen!

  2. […] Bürgerkriegsfotos bei ebay Der  ehemaligen STERN-Reporters Gerd Heidemann – das ist der mit den gefälschten Hitler Tagebüchern, falls sich noch jemand daran erinnert […]

  3. […] Hitler -Tagebücher waren die größte publizistische Katastrophe, in die der „Stern“ jemals reingeschlittert ist. […]

  4. […] aus dem Führerbunker anführte. Eben dieser Genral Mohnke steckt, wenn das Blog  “jungemedien” und die britische Journalistin Gitta Sereny Recht haben, zusammen mit anderen Altnazis […]

  5. […] ehemaligen STERN-Reporters Gerd Heidemann – das ist der mit den gefälschten Hitler Tagebüchern, falls sich noch jemand daran erinnert […]

  6. Cpt. Iglo sagt:

    Wat een gelul. Heidemann was een idioot die Stern belazerd heeft, zo simpel is het toch?

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